Nur wenige Spuren. Der Vietnamkrieg gerät in Vergessenheit

Zu sehen sind keine mehr. Nur morgens manchmal, wenn man selber in den Spiegel guckt, erinnert der pflegeleichte, tropische Kurzhaarschnitt an das Klischee eines amerikanischen GI der 60er Jahre. Die kurzen Haare wirken gehorsam, und Vietnam ist der Ort, den die Amerikaner seinerzeit in ihrer unstillbaren Arroganz der eingebildeten Unschlagbarkeit nicht ausgelassen haben. Manchmal lugt noch an einer strategischen Ecke ein Vorsprung aus Beton hervor mit den bekannten, sich nach innen verjüngenden Schlitzen für die AK 42, das legendäre Maschinengewehr aus den 60ern. Doch vieles ist inzwischen überbaut, ganze Straßen von den Stadtplanern neu gestaltet worden, die Zeugnisse des Krieges verschwinden mehr und mehr.

Das Kriegsmuseum in Saigon

Das Kriegsmuseum in Saigon

Auf den Spuren von gestern im Vietnam von heute. Was ist geblieben vom Krieg, der eine ganze Generation vom Weg brachte? Was ist noch zu sehen vom amerikanischen Auftritt in Indochina?

Eine Reise durch Vietnam ist eine Reise zum Anfang der amerikanischen Albträume. Und die beginnen in Saigon, in Ho Chi Minh City.

Das Zippo-Feuerzeug sieht echt aus, der aufgedruckte Schriftzug ist im Original nicht besser, und die Beteuerungen des Feuerzeugverkäufers Vin Kim werden unterstützt durch die Referenzen in seinem abgegriffenen Buch und die endlose Menge von Postkarten aus Deutschland. Er sagt, er sei der einzige, der in Saigon noch originale Zippo-Feuerzeuge aus dem Vietnamkrieg verkauft, und wer will, bekommt auch noch die “militärische Hundemarke”, z.B. die des gefallenen GI George MICHAEL dazu. “I had a farm in Vietnam and a home in hell. I sell the farm in Vietnam and go home; NaThrang 1966.” George kam zu den Fallschirmspringern. Sein Feuerzeug mit Inschrift liegt 45 Jahre später auf meinem Frühstückstisch in Saigon. Doch was vor einigen Jahren noch ein Verkaufschlager war, ist heute ein Ladenhüter. Die jungen Leute hier im Travellerviertel haben keinen Bezug mehr zu diesem Krieg. Geraucht wird zwar noch immer doch ein Zippo ist für die HipHop Generation kein Kult, sondern eher zu schwer und zu teuer. Dann doch eher ein Banana-pancake mit einem Cafe Latte.

Tropischer Regen, wie damals

Tropischer Regen, wie damals

Schwere Regentropfen fallen auf die Flügel des amerikanischen Hubschraubers. Der tropische Regenguss ist heute dicht und nebelig, der Helikopter ist kaum noch zu erkennen, die MG ist nach außen gerichtet, direkt auf die Schutzsuchenden im Eingang des Hauses. Die Menschen hier sind betroffen, betroffen von dem, was sie in den Stunden vorher gesehen haben. Draußen steht das Kriegsgerät nebeneinander, aufgereiht, ineinander geschoben, so wie es gerade passte. Drinnen kann man den Verlauf eines Krieges nachvollziehen, der eine ganze Generation geprägt und verändert hat. Still stehen sie dicht nebeneinander, ruhig und gefasst, gemeinsam warten sie auf das Ende des Regens.

Die Fotos erzeugen eine tiefe Betroffenheit

Die Fotos erzeugen eine tiefe Betroffenheit

Dafür glänzen silbern und golden kleine Panzer und Kanonen in spärlichem Neonlicht des Verkaufshops. Die Hubschrauber und Jagdbomber sind aus alten Cola-Dosen geschnitten. Die Kugelschreiber machen ihrem Namen alle Ehre. Aus zwei Patronenhülsen eines MG Schnellfeuergewehres werden mit feinmechanischen Grundkenntnissen Druckkugelschreiber hergestellt. Im Museum für die amerikanischen Greueltaten, so der frühere Name des Museums, war das einmal der Renner. Im Kriegsmuseum von heute liegen sie noch zur Dekoration.

Das neugestaltete Museum liegt in der Nähe des Parks der Wiedervereinigung mit seiner gleichnamigen Halle. Doch noch an der Ecke zur Straße mit dem Eingang zum Museum wussten die beiden jungen vietnamesischen Frauen nicht, wo das Museum liegt, geschweige der Eingang sich befindet. Der Krieg gerät in Vergessenheit. Die neuen Generationen haben keinen Bezug mehr dazu. Warum sollten sie auch?

Schweres Geschütz im Bellhubschrauber

Schweres Geschütz im Bellhubschrauber

Eine MG ist auf die Besucher gerichtet. Das amerikanische Hoheitszeichen wurde schon mehrfach übergestrichen, in diesem tropischen Klima verschwindet Farbe schnell. Die Kampfflugzeuge und die berüchtigten Bell-Hubschrauber sind zentraler Bestandteil einer Geschichtsbewältigung. Der Tod kam aus der Luft. Diese Träger der unzähligen Tode beeindrucken in ihrer Echtheit und Authentizität. Die Tanks und die Flammenwerfer auf der anderen Seite werden in ihrer musealen Aufgabe durch Fotos bei ihrem Einsatz unterstützt. Die neuen Feldbomben mit damals rekordverdächtiger konventioneller Sprengkraft stehen neben den Trägerraketen für Napalm und Agent Orange.

Dioxin Agent Orange - gestern und heute

Dioxin Agent Orange – gestern und heute

Wurden vor Jahren noch die vietnamesischen Auslands-Verschwörer gegen den Aufbau des Kommunismus  in Vietnam mit Porträts steckbrieflich präsentiert, sind es heute Themenräume mit beeindruckender Tiefe.

Die Ausstellung mit Pressefotografien aus 30 Jahren Krieg ist nicht nur fachlich sehr interessant, sondern hinterlässt eine unglaubliche Betroffenheit, da hier nur Fotos ausgestellt sind von Pressefotografen, die im Vietnamkrieg getötet wurden. Diese Fotos der gefallenen Reporter hinterlassen einen tiefen Respekt. Denn letztlich haben diese Männer  mit ihren Fotos und Berichten den Krieg beendet.

Das Museum schließt in fünf Minuten. Die Durchsage ist schon erfolgt. Schnell noch kommen Händler an die Ausgänge des neuen modernen Gebäudes, die zu überhöhten Preisen dünne Oneway-Regencaps anbieten, für einen Regenschirm muss man schon tiefer in die Tasche greifen. Doch die wenigsten greifen zu. Das Rasseln der schließenden Tore macht deutlich, das der Durchsage Taten folgen werden. Die Menge löst sich auf, ohne Proteste gehen die Besucher in den schweren Regen, fast gedankenverloren, fast so, als wenn sie etwas zu verarbeiten hätten. Fast so, wie damals in den schweren Kämpfen während der Regenzeit im tiefen Dschungel von Vietnam. Hier im Schlamm ging für eine Weltmacht ein Krieg verloren, den sie nie gewinnen konnten.

Dieses Kriegsmuseum in Saigon war lange auch dem Namen nach ein Museum, das die Greultaten der Amerikaner im Vietnamkrieg einseitig darstellte. Heute will es ein Museum über den Vietnamkrieg sein, nicht neutral, das will keiner und es wäre auch zuviel verlangt.

Das „War Remnants Museum in Saigon“ wurde zum  „Museum der Kriegsverbrechen“, denn den Ausstellungsmachern ist wichtig, dass gerade die Amerikaner und auch mehr und mehr die westorientierten Vietnamesen nicht abgeschreckt werden, sich mit den Relikten und Zeugnissen der Zeit auseinanderzusetzen. Dieser Krieg wird in Vergessenheit geraten, mehr und mehr. Doch dieses Museum kann es verzögern, vielleicht nicht verhindert. Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Zu sehen sind keine mehr. Nur morgens manchmal, wenn man selber in den Spiegel guckt, erinnert der pflegeleichte, tropische Kurzhaarschnitt doch an einen amerikanischen GI der 60er Jahre. Die kurzen Haare wirken gehorsam, und Vietnam ist der Ort, den die Amerikaner in den 60ern in ihrer unstillbaren Arroganz der eingebildeten Unschlagbarkeit nicht ausgelassen haben. Manchmal lugt noch an einer strategischen Ecke ein Vorsprung aus Beton hervor mit den bekannten, sich nach innen verjüngenden Schlitzen für die AK 42, das legendäre Maschinengewehr aus den 60ern. Doch vieles ist inzwischen überbaut, ganze Straßen von den Stadtplanern neu gestaltet worden, die Zeugnisse des Krieges verschwinden mehr und mehr.

Auf den Spuren von gestern im Vietnam von heute. Was ist geblieben vom Krieg, der eine ganze Generation vom Weg brachte? Was ist noch zu sehen vom amerikanischen Auftritt in Indochina? Eine Reise durch Vietnam ist eine Reise zum Anfang der amerikanischen Albträume. Und die beginnen in Saigon, in Ho Chi Minh City.

Das Zippo-Feuerzeug sieht echt aus, der aufgedruckte Schriftzug ist im Original nicht besser, und die Beteuerungen des Feuerzeugverkäufers Vin Kim werden unterstützt durch die Referenzen in seinem abgegriffenen Buch und die endlose Menge von Postkarten aus Deutschland. Er sagt, er sei der einzige, der in Saigon noch originale Zippo-Feuerzeuge aus dem Vietnamkrieg verkauft, und wer will, bekommt auch noch die “militärische Hundemarke”, z.B. die des gefallenen GI George MICHAEL dazu. “I had a farm in Vietnam and a home in hell. I sell the farm in Vietnam and go home; NaThrang 1966.” George kam zu den Fallschirmspringern. Sein Feuerzeug mit Inschrift liegt 45 Jahre später auf meinem Frühstückstisch in Saigon. Doch was vor einigen Jahren noch ein Verkaufschlager war, ist heute ein Ladenhüter. Die jungen Leute wollen es nicht. Geraucht wird zwar noch immer, doch ein Zippo ist für die HipHop Generation kein Kult, sondern eher zu schwer und zu teuer. Dann doch eher ein Banana-pancake mit einem Cafe Latte.

Schwere Regentropfen fallen auf die Flügel des amerikanischen Hubschraubers. Der tropische Regenguss ist heute dicht und nebelig, der Helikopter ist kaum noch zu erkennen, die MG ist nach außen gerichtet, direkt auf die Schutzsuchenden im Eingang des Hauses. Die Menschen hier sind betroffen, betroffen von dem, was sie in den Stunden vorher gesehen haben. Draußen steht das Kriegsgerät nebeneinander, aufgereiht, ineinander geschoben, so wie es gerade passte. Drinnen kann man den Verlauf eines Krieges nachvollziehen, der eine ganze Generation geprägt und verändert hat. Still stehen sie dicht nebeneinander, ruhig und gefasst, gemeinsam warten sie auf das Ende des Regens.

Dafür glänzen silbern und golden kleine Panzer und Kanonen in spärlichem Neonlicht des Verkaufshops. Die Hubschrauber und Jagdbomber sind aus alten Cola-Dosen geschnitten. Die Kugelschreiber machen ihrem Namen alle Ehre. Aus zwei Patronenhülsen eines MG Schnellfeuergewehres werden mit feinmechanischen Grundkenntnissen Druckkugelschreiber hergestellt. Im Museum für die amerikanischen Greueltaten, so der frühere Name des Museums, war das einmal der Renner. Im Kriegsmuseum von heute liegen sie noch zur Dekoration.

Das neugestaltete Museum liegt in der Nähe des Parks der Wiedervereinigung mit seiner gleichnamigen Halle. Doch noch an der Ecke zur Straße mit dem Eingang zum Museum wussten die beiden jungen vietnamesischen Frauen nicht, wo das Museum liegt, geschweige der Eingang sich befindet. Der Krieg gerät in Vergessenheit. Die neuen Generationen haben keinen Bezug mehr. Warum sollten sie auch.

Eine MG ist auf die Besucher gerichtet. Das amerikanische Hoheitszeichen wurde schon mehrfach übergestrichen, in diesem tropischen Klima verschwindet Farbe schnell. Die Kampfflugzeuge und die berüchtigten Bell-Hubschrauber sind zentraler Bestandteil einer Geschichtsbewältigung. Der Tod kam aus der Luft. Diese Träger der unzähligen Tode beeindrucken in ihrer Echtheit und Authentizität. Die Tanks und die Flammenwerfer auf der anderen Seite werden in ihrer musealen Aufgabe durch Fotos bei ihrem Einsatz unterstützt. Die neuen Feldbomben mit damals rekordverdächtiger konventioneller Sprengkraft stehen neben den Trägerraketen für Napalm und Agent Orange.

Wurden vor Jahren noch die vietnamesischen Auslands-Verschwörer gegen den Aufbau des Kommunismus  in Vietnam mit Porträts steckbrieflich präsentiert, sind es heute Themenräume mit beeindruckender Tiefe. Die Ausstellung mit Pressefotografien aus 30 Jahren Krieg ist nicht nur fachlich sehr interessant, sondern hinterlässt eine unglaubliche Betroffenheit, da hier nur Fotos ausgestellt sind von Pressefotografen, die im Vietnamkrieg getötet wurden. Diese Fotos der gefallenen Reporter hinterlassen einen tiefen Respekt. Denn letztlich haben diese Männer  mit ihren Fotos und Berichten den Krieg beendet.

Das Museum schließt in fünf Minuten. Die Durchsage ist schon erfolgt. Schnell noch kommen Händler an die Ausgänge des neuen modernen Gebäudes, die zu überhöhten Preisen dünne Oneway-Regencaps anbieten, für einen Regenschirm muss man schon tiefer in die Tasche greifen. Doch die wenigsten greifen zu. Das Rasseln der schließenden Tore macht deutlich, das der Durchsage Taten folgen werden. Die Menge löst sich auf, ohne Proteste gehen die Besucher in den schweren Regen, fast gedankenverloren, fast so, als wenn sie etwas zu verarbeiten hätten. Fast so, wie damals in den schweren Kämpfen während der Regenzeit im tiefen Dschungel von Vietnam. Hier im Schlamm ging für eine Weltmacht ein Krieg verloren, den sie nie gewinnen konnten.

Dieses Kriegsmuseum in Saigon war lange auch dem Namen nach ein Museum, das die Greultaten der Amerikaner im Vietnamkrieg einseitig darstellte. Heute will es ein Museum über den Vietnamkrieg sein, nicht neutral, das will keiner und es wäre auch zuviel verlangt. Das „War Remnants Museum in Saigon“ wurde zum  „Museum der Kriegsverbrechen“, denn den Ausstellungsmachern ist wichtig, dass gerade die Amerikaner und auch mehr und mehr die westorientierten Vietnamesen nicht abgeschreckt werden, sich mit den Relikten und Zeugnissen der Zeit auseinanderzusetzen. Dieser Krieg wird in Vergessenheit geraten, mehr und mehr. Doch dieses Museum kann es verzögern, vielleicht nicht verhindert. Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Eine Antwort auf: Nur wenige Spuren. Der Vietnamkrieg gerät in Vergessenheit

  • Gerd

    Kriege, sie sind zu wichtig, um vergessen zu werden, doch zugleich müssen sie in Vergessenheit geraten. Die Zeit heilt, sagt man. Der bittere Blick nach hinten verstellt den Weg nach vorne. Wie ist es denn in Deutschland? ‚Unser‘ großer Krieg liegt 20 Jahre länger zurück als der Vietnamkrieg. Junge deutsche Leute wollen das Schuldkorsett des Holocausts nicht mehr anziehen. Sie und bereits ihre Eltern hatten praktisch nichts damit zu tun. Eine Schuld empfinden sie nicht mehr, eher erstauntes Interessen, wenn irgendwo noch eine alte, nicht detonierte Fliegerbombe gemeldet wird. Das ist alles lange her.
    In Vietnam wird das nicht anders sein. Die Nachkriegsgeneration sieht die Welt aus ihrer eigenen Erfahrung. Der Krieg ist Geschichte, über 40 Jahre her. Touristen auf den Spuren des Vietnamkrieges sind nicht anders, als Amerikaner, die in Berlin nach den Spuren der Mauer suchen. Die Kriegsspuren sind längst weg.

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