Dem kalten Winter entfliehen. Reicht das Geld?

Die Lotteriebude in Essen Nord war verkauft, die alten Taxi-Lizenzen abgegeben, der Haushalt reduziert und winterfest gemacht. Es war ein großer Plan, entstanden durch mehrfache Reisen nach Südostasien. Dort den Lebensabend verbringen, bei Sonne, Strand und Meer, entspannen auf hohem Niveau. Doch die Rente ist bescheiden, ja eigentlich ist es noch gar keine. Mit 61 Jahren ist der Zenit der optimalen Altersversorge noch lange nicht erreicht, da gilt es noch ein paar Jahre sozialabgabepflichtige Leistungen zu erbringen oder das Ersparte ist eben hoch genug. Beides ist nicht der Fall. Die finanziellen Verpflichtungen in Deutschland sind seit Jahrzehnten optimiert und leistbar. Was machen? Gehen wir ganz logisch vor. Betrachten wir zwei Varianten.

Jede Geschichte hat zwei Gesichter

Jede Geschichte hat zwei Gesichter

Tanzen bist der Morgen kommt

Tanzen bist der Morgen kommt

Kambodscha: Ganzjährig und für immer. Ein Leben im Paradies!

Wer Deutschland den Rücken kehrt, wird nur sehr schwer wieder den Weg zurück finden. Die Hürden sind hoch, die Gefahren außerhalb unseres Kulturkreises nicht zu unterschätzen. Vielen Residenten unterschiedlichen Alters (einige versuchen es ja schon im Alter von 24) ereilt früher oder später die intellektuelle Vereinsamung und die extrem hohe Gefahr, diese mit entsprechen geistigen Mitteln zu kompensieren. Das immer kühle und frisch gezapfte Bier ist da nur eines der Schlupflöcher.

Die Nacht ist der Tag

Die Nacht ist der Tag

Eine weitere Gefahr liegt in der Isolation. Die Gespräche mit den ebenfalls hier lebenden Residenten haben sich meistens nach einem Jahr erschöpft. Vielfach sind dabei Spannungen entstanden, die hier zumindest nicht mehr zu bewältigen sind. Schlechte Nachreden werden zur Tagesbeschäftigung. Der hohe Verschleiß von Urlaubern und Besuchern, die die immer wiederkehrenden und sich wiederholenden Geschichten ja nicht erkennen können, wird kaum bemerkt. Freundschaften gibt es schon lange keine mehr, Bekanntschaften werden zu einmaligen Begegnungen.

Der Traum, eine treue und liebende kambodschanische Frau zu finden ist ebenfalls schon lange geplatzt. Die Kosten steigen ins Unermessliche, die langzeitgeplanten und gefixten Ausgaben geben das nicht her. Die weibliche Ergänzung des Ich-Survivalteams ist ein Fass ohne Boden, ein Topf ohne Deckel. Es ist eine der größten Illusion in Südostasien, geplatzt meistens schon nach wenigen Monaten durch den dreisten oder perfiden Diebstahl.

Nicht zu Unterschätzen sind die Probleme, die auftauchen bei dem Wunsch, nach Jahren der Enttäuschung nach Deutschland zurück zu kehren. Kommunikative Isolation, soziale Kälte und die Erkenntnis, in fast allen Bereichen den Anschluss verpasst zu haben, sind nur einige der Sargnägel. Nach Jahren im Ausland, nach dem Verbrauch der Rücklagen, nach heftigen Enttäuschungen und Rückschlägen und dem Gefühl, letztendlich versagt zu haben, ist die Reintegration und Resozialisierung mehr als fraglich. Man findet sich wieder im Hartz4 Bereich, abhängig von der Gunst anderer und in Nachbarschaft verkrachter und gescheiterter Existenzen. Sicher, es fällt leichter, bei Regenwetter und Graupelschauer auf das tägliche Bier auf der Parkbank zu verzichten, doch das wird den Lebensabend nicht retten. Freundschaften sind verschwunden, Partnerschaften bei der Finanzlage und dem niedrigen Selbstwertgefühl nicht mehr möglich und auch die Reste der Familie werden nicht begeistert sein, erst vorgeführt zu werden durch den Lebensträumer im Paradies, um dann konfrontiert zu werden mit einem Versager und Schnorrer.

Gute Aussichten

Gute Aussichten

So bleibt vielen hier im Paradies nur der stete Abstieg in den Alkoholismus und den erklärten persönlichen Konkurs. Kommt eine schwere Krankheit dazu oder eine herbe weitere Enttäuschung im Partnermarkt, sind die Widerstandskräfte aufgebraucht und der Einäscherung steht nichts im Wege. Also meine Empfehlung: Finger weg von diesem Plan.

Kambodscha: Winterhalbjährig und dabei fest verankert in Deutschland bleiben!

Ist doch Wahnsinn. Doppelte Haushaltsführung, volle Sozialabgaben, Versicherungen, Erhaltungskosten für Wohnung und Auto sogar bei Abwesenheit, Flugkosten … etc. Das lässt sich doch gar nicht finanzieren. Naja, so ganz stimmt das nicht. Rechnen wir die tatsächlichen Kosten in Deutschland mit verzichtbaren Kosten und Leistungen während der 6-monatigen Abwesenheit gegen,  kann sich das rechnen.

Es benötigt aber zwei wesentliche Voraussetzung. Eine intakte soziale Verankerung in Deutschland und eine stark an den geringen finanziellen Möglichkeiten ausgerichtet Lebensweise in Kambodscha.

Elefanten in der Stadt

Elefanten in der Stadt

Nehmen wir den alleinstehenden Mann, 61 Jahre, aus Essen Nord. Was kann er an tatsächlichen Kosten während der Abwesenheit einsparen und rechnen wir sie mit seinen zusätzlichen Kosten in Kambodscha gegen. Im optimalen Fall würden die Kosten in Kambodscha getragen von den eingesparten Kosten in Deutschland, also eine sogenannte Nullrechnung, eine win-win Situation, keine weiteren Kosten durch den 6-monatigen Winteraufenthalt in Kambodscha. Aufenthaltszeit vom 1.November bis zum 30 April. Den schönen Oktober noch mitnehmen in Deutschland und den temperatur- und regenverspielten April auslassen. Danach Sommer in der Heimat.

Da ist die gesetzliche Krankenversicherung. In unserem Fall beträgt sie 117,50€. Dieser Betrag und damit der Versicherungsschutz lässt sich aussetzen. Man kann diese Versicherungen ruhen lassen bei garantierter Rückübernahme nach einem halben Jahr. Klar müssen wir die Reiseversicherung dagegen rechen, aber das machen wir später.

Dann haben wir monatlich 450€ an Zerstreuungskosten, Kneipe, Restaurant, Freunde und mal einen Blumenstrauss. Weitere 250€ berechnen wir für Lebensmittel und eigene Kochkünste sowie Rückzugskosten für Nüsse, Rotwein und Kartoffelchips. 10€ sparen wir für Telefonkosten außerhalb der Flatrat und 20€ für nicht verbrauchten Strom. Die 100€ für das Auto sind ausschließlich nicht verfahrenes Benzin, denn der Rest bleibt. Ja, da bleibt der Luxus von 36€ monatlich für den regelmässigen Saunagang. Wird auch gestrichen. Alles in allem: 982,50€

So stellt sich jetzt die Frage, können wir mit 982,50€ in Kambodscha leben. Da hier alles in Dollar bezahlt wird, rechnen wir den günstigen Kurs von 1.29 und kommen auf 1.267,42$.

Also, ohne hier ins Detail zu gehen, bei einer Wohnungsmiete von 50$ und einem Bierpreis von 0,50$ sind die Flugkosten allemal drin.

Lebt unser Halbjahresrentner wie ein Tourist und lässt es an nichts fehlen, kommt er im Durchschnitt auf 25-30$ pro Tag. Tägliche Marktkosten 5$; Wasser und Rotwein 5$, Essen gehen 5$ und abends auf die Piste nicht unter 10-15$, da das Bier da schon mal teurer ist. Muss aber ja auch nicht jeden Abend sein. Ein Fernseher ist in der Wohnung. Bei 2$ mehr mtl. sogar mit Deutscher Welle und Fußball.

Also 500 $ Zerstreuungskosten, 110$ für Motorbike incl. Benzin, 70$ für Wohnung, Strom und Wasser, 20$ fürs Handy, 40$ für Laundry, 160$ für Kurz-Reisen durchs Land, das alles monatlich.

Mit 900$ lässt sich in Kambodscha komfortabel leben,aber nur bei dem disziplinierten Verzicht auf den großen Traum, hier eine treue und liebende Lebenspartnerin zu finden. Denn das würde die Kosten in ungeahnte Höhe schnellen lassen. Dazu in einem weiteren Kapitel „Leben in Kambodscha – eine Khmer-Lebensabendpartnerin, geht das?“ auf oxly1.de demnächst mehr.

So bleiben 6x 367,42$ übrig. Damit könnte man bei guter Recherche bis nach Bangkok, diese Reisekrankenkostenversicherung wäre damit auch bezahlt und von BKK würde man mit dem Bus für 16$ pro Strecke nach Sianoukville fahren. Bleiben die Visakosten für 6 Moante 185$.

Bleibt zu sagen, das diese System nur funktioniert, wenn man in Deutschland seine sozialen Kontakte hält und pflegt, die Familie nicht dauernd belästigt mit diesem Paradiesgesäusel und man hohe Disziplin und Kompetenz beweist in beiden Lebensbereichen und Welten. Dazu später mehr.

Alles spricht also für den halbjährigen Ausstieg auf Zeit. Jede andere Form des Ausstiegs ist selbstmörderisch, ausschließlich das Scheitern bleibt vorabendserientauglich denn diese Länder in Südostasien sind durchaus geeignet für einen Lebensabend mit kleinem Budget aber nicht unter den Bedingungen eines dreisten komatrinkenden Kurzurlaubers oder eben alkoholkranken Residenten im einsamen Lebensschmerz. Davon gibt es hier jeweils genug. Nicht nur Kambodscha kann darauf verzichten.

10 Antworten auf: Dem kalten Winter entfliehen. Reicht das Geld?

  • Kuhnarthur

    Wenn ich also rd. 1000 Eus pro Monat für einen Halbjahresaufenthalt in Kambo brauche und meine fixen Kosten in D weiterlaufen, wie hoch muss dann meine Rente sein?

  • Kuhnarthur

    Die Gefahr der Isolation sehe ich auch. Ein Grund dafür mag allerdings auch das Niveau der Expatgemeinde z.B. in Sianoukville sein.

  • Kuhnarthur

    Ich stehe gerne früh auf. Gehe ich dann frühstücken, habe ich gerade in Sianoukville sehr viele Expats gesehen, die noch eher aufgestanden sind und der schönen Sitte huldigten, den frühen Morgen mit frisch gezapftem Bier zu begrüßen.

  • Markus Stetter

    „…monatlich 450€ an Zerstreuungskosten…“ das ist ja auf hohem Niveau berechnet wenn man bedenkt, wie hoch die Einkommen in D sind. So hoch ist nicht mal die Grundischerung für den gesamten Lebensbedarf.
    Gerade wurde der Mindestlohn im Baugewerbe auf 10,00 € (Ost) bzw. 11,50 € (West) festgelegt.
    Da verkneift man sich sogar „Rückzugskosten“.
    Interessante Wortschöpfung übrigens. Hab ich noch nie gehört.
    Luxus ist eben auch, sich über derarige Summen überhaupt Gedanken machen zu dürfen.

  • L. Wimberg

    ja, da scheint die Lotteriebude in Essen Nord in der Tat ueberdurchnittlich gelaufen zu sein. Die Zertreuungskosten sind zu hoch fuer einen Fruehrentner unter Hartz 4. Ich werde es ueberpruefen und verifizieren.

  • B. Arnold

    Ich habe mit meiner Frau den Januar in Kambodscha verbracht und wir sind schwer ins Träumen gekommen über eine längere Umsiedlung, vor allem um das Land besser kennen zu lernen, und sind nur ungern nach Germany zurück geflogen.Die reale und soziale Kälte war deutlich spürbar.
    Natürlich versuchen wir Verstand walten zu lassen. Uns sind alle Hinweise und Anregungen willkommen. Letztendlich wird aber jeder seine eigenen Erfahrungen machen müssen.Jeder nach seinen Prioritäten.
    Wir würden z.Bsp die Zerstreuungskosten super reduzieren und dafür lieber in inländische Kurzreisen investieren.Oder besser Auto statt Motobike.
    Schön daß Sie Ihre Erfahrungen weitergeben.

  • Jason Born

    Man kann übrigens sehr günstig in Kambodscha leben, aber man muss sich umstellen – ich habe 5 Jahre ununterbrochen dort gelebt. Hier mal ein paar Beispiele:

    Wohnen im Guesthouse: 5 $ / Tag – Hotels aber ab 10 $ und mehr
    Bier an Straßenständen: ca. 1500 Riel (1$= 4400 Riel) – aber in Bars ca. 2 $
    Moped mieten ca. 2 $ pro Tag – große Bikes wesentlich mehr
    Essen: an Straßenständen oft nur 50 Cent – Restaurants oft billig(Capitol) – doch Restaurants am River teuer
    Schöne Strände in Sihanoukville, jedoch kaum touristische Infrastruktur – ab 20 Uhr werden die Bürgersteige „hochgeklappt“
    Phnom Penh ist für Urlauber nicht zu empfehlen, es ist eine staubige Millionenstadt, nachts häufig bewaffnete Überfälle
    Tipp: Visum in Bangkok besorgen – an der Grenze (Koh Kong) kostet es 5 $ mehr für Bakschisch
    Im Kambodscha gibt es keine offenen Bierbars oder Go-Go-Bars wie in Thailand
    Abfluggebühr vom Flughafen in Phnom Penh: 20 $ – Halleluja!

  • Endlich mal Fakten ueber das Leben in Kamboscha.Preise,Lebenshaltungskosten und wie manche Auslaender mit dem dortigen Leben nicht klarkommen.Alkhol stellt auch keine Loesung dar,betaeubt nur fuer einige Zeit.Jeder muss selber an sich arbeiten.

  • wilson

    also jason born….du warst lange nicht mehr in cambodia oder niemals. von deinen daten stimmt fast gar nichts…..außer der abfluggebühr. bierbars mit gogo angebot in phnom penh über 100 inzwischen, visum in koh kong wird in bath bezahlt, 1000 baht…auf jeden fall zuviel, überfällle gibt es in neukölln in berlin mehr als in phnom penh, sianoukville hat eine sehr gute nachtszene mit discos und strandbars, karaoke und einigen gogo-taxigirl bars im plaza entertainment ‚ motobikes 50$ der monat, hotels ab 25$….ok…guesthäuser für 5$ aber im schlafraum für 10 leute……
    komm mal wieder vorbei..
    lg
    wilson

  • Der Artikel ist zwar schon älter, dennoch sehr informativ, zumal immer mehr Menschen darüber nachdenken auszuwandern, weil das Geld hier bei uns einfach nicht mehr ausreicht.

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