Krank werden in Thailand – daran stirbt man nicht!

Dies ist KEINE wissenschaftliche Abhandlung über das thailändische Gesundheitswesen, nur ein persönlicher Erfahrungsbericht!!

Also, vorab: mir geht es wieder gut. Die Frage ist, wen interessiert’s? Na, MICH – und wahrscheinlich auch Nampet, meine Lebensgefährtin! Und Willy und Ivey, meine Nachbarn und nicht zuletzt meine 80-jährige Tante Ilse in Deutschland, die sich grosse Sorgen machte.

Wohl kaum jemand, der dieses wunderschöne Land bereist denkt ernsthaft daran, einen „Pit Stop“ in einem thailändischen Krankenhaus einzulegen um sich dann dort in fremder und ungewohnter Umgebung einer gründlichen Operation zu unterziehen. Nichtsdestotrotz sollte man für alle Fälle gewappnet sein und sich auf jeden Fall schon vor Antritt der Reise um einen ausreichenden Reiseschutz kümmern.

Man hört und liest viel über dieses Land. Sextourismus, Armut, Moskitoplagen, schlechte Luft etc. Aber leider wenig gutes, und das ist schade, weil es ungerechte und nicht haltbare Vorurteile sind, wie ich in einem anderen Bericht mal versucht habe, klarzustellen.

 Bleibt einem hier ein Arztbesuch nicht erspart, soll man immer darauf achten, das eingepackte Nadeln verwendet und Originalmedikamente verabreicht werden. Und dann liegen ja 30, 40 oder sogar noch mehr Leute auf dem Zimmer. Wahrscheinlich sogar, in Ermangelung von Krankenbetten, auf dem Boden auf einer Bastmatte. Die Infusionsflaschen sind an ein Kantholz angenagelt, der Infusionsschlauch hat als Wasserschlauch ausgedient und hat nun eine neue Bestimmung bekommen und die Nadeln sind vom Mehrfachgebrauch schon ganz krumm und stumpf. Und Essen – falls überhaupt? In Suppe gekochte Hühnerfüsse etc.

Nee, das sind genauso durch Unwissenheit und Fehlinformation entstandene dumme und unhaltbare Vorurteile wie die gängige Meinung, dass die Frauen hier Spass an einer Tätigkeit als Lady Bar haben und vom Sex nicht genug kriegen können.

Bei diesen ganzen Vorurteilen lässt alleine die Vorstellung, ohne sich mal über die Realität hier zu informieren, einen sofort jede Krankheit vergessen! Dann beisst man lieber, so es eben nicht wie bei mir Lebensbedrohlich ist, noch etwas auf die Zähne oder bucht den Flug um zwecks Operation in einem deutschen, mit der ISO „was weiss ich, wie die Nummer heisst“, zertifizierten Krankenhaus, sich dann dort anständig und in sauberer und in gepflegter Krankenhausumgebung dem Unvermeidbaren, sprich der Operation, hin zu geben. Und sich dann, so die private Krankenversicherung einen noch genommen hat (mich nämlich nicht, dank Rheuma!!!) in einem Einzelzimmer verwöhnen zu lassen, falls die Personaldecke im Pflegebereich für einen Verwöhnaufenthalt dick genug ist.

Nach einer Knie-OP im Mai 2009 mit neuem Kniegelenk in einer Kölner Klinik hat man ernsthaft von mir verlangt, 4 Tage nach der OP die Bewegungsschiene von ca. 30 KG. selbst aus dem Bett zu tragen, man hätte anderes zu tun und eh kein Personal. Ausserdem ging das auf’s Kreuz und eine 2. Schwester sei nicht verfügbar.

 Also, vor Beginn meiner Geschichte folgende Feststellung: Thailand ist ein hoch entwickeltes Land mit einem ausgesprochen guten Gesundheitssystem, sehr guten, fast durchweg im Ausland ausgebildeten Ärzten und natürlich mit allen Schwächen eines so komplexen Systems, wie eben in Deutschland auch! Leider vom System auch etwas bekloppt, wie ich festgestellt habe. Keine Nadel wird 2 Mal benutzt! Schon wegen der hohen AIDS Rate in diesem Land würde sich das kein Arzt oder Krankenschwester trauen. Neben dem Jobverlust droht auch Knast, weil man hier mit allen Mitteln versucht, die AIDS Plage in den Griff zu bekommen. Die Infusionsmaschinen sind die gleichen, die in deutschen Krankenhäusern verwendet werden, ebenso die Infusionslösungen. Alles ist steril! Die Medikamente werden direkt über die Vertretungen der Hersteller bezogen um eben diese gefälschten Produkte aus dem Handel zu halten. Und Ärzte dürfen längst nicht jedes Medikament verschreiben, wie in Deutschland auch. Jeder Facharzt nur für sein Gebiet.

Jedenfalls beginnt meine Geschichte im Jahre des Herrn 2011 an einem lauschigen, warmen 03. April gegen 12 Uhr Mittags, high noon, 10 Monate nach meiner Übersiedlung nach Thailand. Irgendwie ging es mir schon seit ein paar Tagen vom Magen oder Darm her nicht so gut. Die Verdauung wollte nicht so richtig und ein bisschen „Ping“ im Unterleib hatte ich auch seit Tagen. Aber als Rheumatiker ist man ja Schmerzen gewohnt und verdrängt die einfach. Am Essen konnte es nicht liegen, ich koche täglich für mich „Farang food, von Kartoffelsuppe, Grillhähnchen, Linsensuppe über Cordon bleu bis Kartoffelsalat etc.. Aber auch das wollte nicht so richtig schmecken. Das Thaiessen, bzw. hier (noch schlimmer) Isaan Food ist für meinen Magen nach 56 Jahren Deutscher Kost nicht geeignet und die Kost hier hat mit dem, was man beim Thai in Deutschland bekommt, absolut nix gemeinsam.

Ich sitze also an diesem morgen am PC und verfolge, was so in Deutschland und dem Rest der Welt abgeht, als mich mein Bläschen drückte. Ich stehe, dem Ruf der Natur folgend auf, um Richtung Toilette zu gehen. Das war nix! In dem Moment, als ich noch im Aufstehen begriffen war, krieg ich einen Stich ca. 10 cm. links des Bauchnabels, dass ich dachte, Rambo dreht gerade sein Zackenmesser in meinen Eingeweiden genüsslich herum. Ich bin ja als Rheumi Schmerzen, auch extremer Natur, gewohnt. Eine Zahnwurzelbehandlung ohne Betäubung ist eher ein Lachsack für mich. Aber, was sich da in meinem Unterleib recht zügig aufbaute, das war mir in dieser Intensität unbekannt. Jedenfalls liess ich einen unglaublich lauten Schmerzschrei los und verharrte in halb gebückter Position vor meinem PC-Tisch, unfähig, mich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Nampet, meine Lebensgefährtin, kam gleich angerannt und sah mich kreidebleich an. Erklären konnte ich nix, so irre waren diese Schmerzen. Hab nur noch, mehr mit den Augen, auf das Schlafzimmer gezeigt und sie hat mich dann irgendwie vorsichtig da rein geschoben und sofort auf’s Bett gelegt. Für die Schmerzen war das eher Kontraproduktiv, aber ich musste ja liegen – dachte ich! Ja, und dann ging’s richtig los. Ich hab vor Schmerzen so laut gebrüllt, dass meine Nachbarn rüber gerannt kamen, ein Thai und Willy, der Franzose. Nampet war das ganze nicht geheuer, wissend, dass ich ja mit Dauerschmerzen lebe und auch damit umgehen kann. Das Hausarztsystem gibt es hier nicht. Man muss sich also selbst irgendwie zum Arzt oder ins Krankenhaus bewegen, bzw. schleppen. Und wenn das nicht geht – Pech gehabt! Es kommt kein Arzt zu einem nach Hause!

Jetzt ist das aber selbst mit „ich fahr mal eben zum Arzt“ hier gar nicht so einfach wie in Deutschland. Nach dem Motto, der Arzt hat von 8-12 und von 16-18 Uhr auf und im äussersten Notfall kommt ja der Notarzt nach Hause, gibt es hier nicht! Das System, wie Ärzte hier praktizieren (müssen) ist schlicht und ergreifend – bekloppt!!

Wenn ein Arzt eine Privatpraxis eröffnen will, muss er eine gewisse Stundenzahl in der Woche in einem Krankenhaus arbeiten. Da ist die Bezahlung aber nicht unbedingt so, dass ein Arzt ein seiner Ausbildung entsprechendes Leben führen kann. So arbeiten diese Damen und Herren Ärzte eben bis zu 7 Tage die Woche abwechselnd im Krankenhaus und in ihrer Privatpraxis.

 Die ganz armen Leute, die nicht versichert sind und auch behandelt werden müssen, die Behandlung der 30 Baht Krankenversicherungskarten Patienten, die ja auch wenig bis nix in die Kassen der staatlichen Krankenhäuser spülen, das verlangt eben nach anderen Einnahmequellen und das ist die Privatpraxis, die jeder Arzt gleich anstrebt, wie ich von „meinen“ Ärzten weiss.

In der Praxis sieht das dann so aus: Morgens um 7 oder 8 geht der Arzt ins Krankenhaus und arbeitet dort bis gegen 10 Uhr. Dann flitzt er schnell in seine Privatpraxis, die grundsätzlich in unmittelbarer Nähe des Krankenhauses ist, um eben schnell dort zu sein und so viel wie möglich privat behandeln zu können. Um 12 Uhr wird die dann geschlossen und er/sie geht essen und um eins wieder ins Krankenhaus. Um 17.30 wird dann die Privatpraxis wieder geöffnet bis gegen 20.00 Uhr. Samstags dann von ca. 10 bis 16 Uhr, so man eben nicht zum Wochenenddienst im Krankenhaus eingeteilt ist oder, bei den Chirurgen, zu einer OP gerufen wird. Dann wird die Privatpraxis sofort geschlossen und ab ins Krankenhaus zur weniger lukrativen Tätigkeit. Vernachlässigt ein Arzt diesen Krankenhausjob, verliert er seine Zulassung als Privatarzt. Und sonntags auch noch ein paar Stunden Privatpraxis.

Das ist ja gar nicht so schlecht, weil es im Prinzip eine 7 Tage Arztversorgung ausserhalb des Krankenhauses gibt und man nicht auf den Wochenendnotdienst der Ärzte angewiesen ist. Problem ist eben der Wahlspruch der Praxisärzte: Nur Bares ist Wahres! Bezahlt wird ausschliesslich bar. Wer kein Geld hat oder der mit 30-Baht-Karte nichts zuzahlen will, der muss eben ins staatliche Krankenhaus und sich da anstellen. Behandelt wird er dann zwar nicht selten vom selben Arzt, ob die Behandlung allerdings der in der Privatpraxis gleichzustellen ist, wage ich mal schwer zu bezweifeln. Derselbe Arzt in seiner Privatpraxis behandelt ihn nämlich nur gegen Geld, was die Qualität der Behandlung deutlich anhebt.

 Jedenfalls hat nach meinem Schmerzgeschrei Nampet gleich rumtelefoniert, und 30 Minuten später war der Krankenwagen da. 2 Sanitäter (ein Arzt war natürlich nicht dabei) haben mich dann raus getragen und auf eine Trage verfrachtet, so’n recht wackeliges Klappdingen, und dann in den Wagen geschoben. An der Krankenwagenausrüstung sollte noch erheblich nachgebessert werden! Aber ich habe auch gelernt, Thais sind wesentlich scherzresistenter als wir verweichlichten Farangs.

Jetzt dachte ich so bei mir: OK, das Schlimmste ist geschafft, ich lieg im Krankenwagen. Jetzt geht es zum Onkel Doktor und der weiss weiter. Nur hatte ich dabei so den Luxus eines Gasfedergedämpften Krankenwagens aus Deutschland im Kopf. Ja, bzw. nee, das war ein Fehlgedanke. Das war ein umgebauter Transporter mit – BLATTEFEDERN!!! Schmerzen zum wahnsinnig werden und der Wagen hoppelt im Sekundentakt über die Dehnungsfugen der Betonplatten der Hauptstrasse. Und kein Schlagloch ausgelassen. Zeitweise hing ich zwischen Wagendach und Trage regelrecht in der Luft. Zudem können alle Thais eines nicht: Auto fahren! Augen zu und dann in Kamikaze Manier los! Da nehmen sich die Krankenwagenfahrer nicht aus. Erschwerend kommt hier noch hinzu, dass die sprichwörtliche Freundlichkeit der Thais im Strassenverkehr in brutalen, rücksichtslosen Egoismus umschlägt. Wer hier mal Auto gefahren ist weiss, was ich meine. Vor jeder Ampel noch vorbeiquetschen, und sei es über den Grünstreifen und mit ein paar Beulen von der Leitplanke im Blech, egal! Hauptsache man steht vorne. Kommt ein Krankenwagen mit tatü tata, wen interessiert es. Rechts und links ran und Schneise lassen? Fehlanzeige! Es wird eher blockiert. Hauptsache, man steht in der „Pole“ an der nächsten Ampel, der im Krankenwagen kann verrecken. Noch schlimmer sind dann die unzähligen, rücksichtslosen Mopedfahrer/innen, die teils mit bis zu 4 Leuten auf diesen 80 ccm. Maschinen den Strassenverkehr unsicher machen. Aber das ist ein Thema für sich und sei hier nur nebenbei erwähnt, weil ich bei jeder Vollbremsung ja auch noch gegen das Kopfende dieser Trage geknallt bin, wissend, dass sich da draussen wieder einer vorgedrängelt hat, oder ein überladenes Moped mal wieder den Wagen um Papierblattbreit beim Seitenwechsel verpasst hat.

Zu allem Überfluss fing auch noch meine Hose an zu klingeln. Es war Sonntag und Sonntag ist „Wolfie“ Tag. Mein Kumpel und ich telefonieren sonntags immer. Hatte ihn 4 Tage vorher erst hier in Ubon zum Flughafen gebracht. Seine Freundin wohnt nur 5 Minuten weg von meinem Haus hier. Das war dann ein sehr kurzes Gespräch. Ich hatte heute eine ganz andere Sorge als Fussball: was erwartet mich gleich. Mir fiel so mein Besuch beim Ohrenarzt in Ubon-Ratchatanie vom August 2010 ein. Die Praxis glich eher einer Autowerkstatt. Nicht dreckig oder schmtzig, nur unaufgeräumt. Als er seine Besteckschublade öffnete, hatte ich schon zum Sprung Richtung der rettenden Tür angesetzt, aber ich hörte auf dem linken Ohr nix mehr. Also gucken, was nun passiert. Aus dieser Schublade, die sehr viel Ähnlichkeit mit meiner Werkbankschublade damals in Deutschland hatte, kramte er ein langes Röhrchen raus und saugte mir das Ohrenschmalz ab. Desinfizieren? Fehlanzeige! War sicher vorher erledigt worden. Irgendwas müssen die 4 Helferinnen ja auch machen und Desinfizieren kostet wertvolle Behandlungszeit. Also positiv denken! Aber seine Arbeit war echt gut; bis heute kein Problem mehr! In Deutschland bin ich damit 3 – 4 Mal im Jahr zum Ohrenarzt gerannt.

Ich dachte mir nur, hoffentlich sieht für den Fall einer Operation der OP-Saal nicht so aus wie die Schublade dieses HNO-Arztes. Dagegen konnte sich der Besuch bei der Hautärztin durchaus mit deutschem Standard messen – einschliesslich der Wartezeiten. Das gilt auch für meine Augenärztin und die Rheumatologin.

Ubonrak Thonburi Hospital - Krankenhaus

Ubonrak Thonburi Hospital – Krankenhaus

Zu meinen berechtigten Bedenken muss man wissen, in Thailand gibt es tatsächlich ein 3-Klassen Gesundheitssystem: Zum einen die Leute, die ärmsten der Armen, die gar kein Geld haben und auch keine 30 Baht Krankenversicherungskarte. Das sind dann die, die der Arzt behandelt, wenn alles andere abgearbeitet ist. So sie dann noch leben!

Dann gibt es die Leute, die eine 30 Baht Krankenversicherungskarte haben. Die kostet dann eben umgerechnet weniger als einen Euro pro Jahr und sichert dem Inhaber die Grundversorgung im Gesundheitswesen zu. Haken bei der Karte: sie gilt nur an dem Ort, an dem sie ausgestellt wurde. Man kann sie zwar auf einen anderen Ort umschreiben lassen, aber Thais lieben Behördengänge genau wie wir. Zudem muss sie ja jedes Mal bei Wohnortwechsel oder längerer Abwesenheit vom Ausstellungsort neu umgeschrieben werden. Meine „Stieftochter“ arbeitet in Bangkok und die habe ich vor 3 Wochen aus Bangkok einfliegen lassen, weil sie massive Bronchialprobleme mit Erstickungsanfällen hatte (klar, bei der Luft in Bangkok!!). Also nach Ubon, weil die Medikamente und Privatarzt in BKK recht teuer gewesen wären und der Flug mit 35 € dagegen recht preiswert war. Das System ist m. E. nicht gut durchdacht und mit einer deutschen Krankenversicherungskarte eben nicht zu vergleichen. Wenn sich jemand aus Ubon in Chiang Mei ein Bein bricht und diese Karte auf den Wohnort ausgestellt hat, muss er die 600 Km. zurück nach Ubon ins Krankenhaus, sonst muss er alles privat bezahlen. Und noch was: was man hier unter Grundversorgung versteht, sollte ich später noch erschütternd erfahren. Gott sei dank nicht am eigenen Leib.

Und dann gibt es die 3. Gruppe, die Reichen, die sich eine private Krankenversicherung leisten können oder eben einfach alles privat bezahlen. Die gehen dann in eine der Privatkliniken, die es in jeder grösseren Stadt gibt, die einen sehr hohen Standard haben, aber auch streng ökonomisch geführt werden.

Wohin mein Weg mich führte wusste ich ja nicht. Ich musste nur darauf vertrauen, dass Nampet mich nicht in ein 30-Baht-Karten Krankenhaus bringt.

Als ich vor dem Krankenhausportal aus dem Wagen geschoben wurde, war ich etwas erleichtert. Sah gut aus. Im Foyer dachte ich dann schon: Echt prima, sieht aus, wie die Empfangshalle eines Hotels der gehobenen Klasse. Unglaublich sauber, einige Frauen flitzen mit Wischmops rum und putzten, eine Schar von Krankenschwestern in fliederfarbenen Kostümen und Hauben auf kümmerten sich um die Patienten, die auf Liegen in der offenen, nur durch Vorhänge Sichtgeschützen Aufnahme lagen. Ärzte konnte ich aber nicht ausmachen, kein einziger „Weisskittel“ zu sehen. Machte mich schon etwas stutzig, weil meine Sehnsucht nach etwas Schmerzstillendem doch enorm war. Nach ca. 5 Minuten kam dann ein Arzt zu mir, aber nicht im weissen Kittel. Und da sah ich dann erst, dass eine ganze Reihe von Ärzten da war, aber mit schwarzer Hose und pinkfarbenem Polohemd, der Kleidung der Ärzte in diesem Krankenhaus. Ebenso die Ärztinnen.

Ging dann los mit mir. Erst mal die Routineuntersuchung, wo tut’s weh und Blut abnehmen. Ja, welch Wunder entgegen allen Vorurteile: Die Nadel samt Kanüle waren Original verpackt und lagen in einer Nierenschale, wie in Deutschland. An der Wand jede Menge Plastiklappen, hinter denen diese Utensilien lagerten. Danach ging es weiter zum Röntgen. Ich kann froh sein, dass mit 57 meine Familienplanung abgeschlossen ist. Die Bleischürze blieb schön da an der Wand, wo sie hing. Nampet stand hinter mir – auch ohne Schürze. OK, Fotos geschossen und dann ab zum Ultraschall. Mir wurde immer flauer, zumal ich auch zwischenzeitlich was gegen die Schmerzen bekommen hatte. Das Zeug heisst Morphin und ist nix anderes als Morphium. Und ich hatte den ganzen Tag nix gegessen und fror erbärmlich, weil ich (es ist ja heiss hier) mein Hemd vergessen hatte. Die dünne Decke reichte, trotz meiner gerade mal 1,75 m, nur von Hals bis zum Bauchnabel und die Klimaanlage lief auf Hochtouren. Zu allem Überfluss setzte die schmerzlindernde Wirkung dieses Morphin bei mir nicht ein. Schmerzen zum wahnsinnig werden. Beim Ultraschall wurde mir dann offenbart, dass mein ganzer Unterbauch schwarz ist und man nur hoffe, dass das kein Blut sei. Lustig ist was anderes aber echt, hat mich nicht mehr interessiert. Hängt vielleicht damit zusammen, dass ich keine Angst vor dem Tod habe. Ich wollte nur noch eines: „weggeschossen“ werden, Hauptsache, die Schmerzen hören endlich auf. Was dann kommen könnte, war mir egal.

Der Doc kam und erklärte mir mit dem für Thais so charmanten lächeln: „Sorry, but something is inside you, I must control. I must open you just now.“ So oder so ähnlich hat er mir jedenfalls in seinem „Thenglisch“ erklärt: Jung, nu schneid ick dir auf! Dann ging es im Laufschritt, von 2 Krankenpflegern geschoben, mit meinem Rollbett wohl Richtung OP-Raum, nahm ich jedenfalls an. Die sind in Ermangelung von Kellern in diesem Land hier im Erdgeschoss untergebracht. Unterwegs kamen dann 2 unglaublich hübsche Mädels an mein Bett. Ich verzichte jetzt auf die Offenlegung meiner Gedanken in diesem Moment bei diesem Anblick, zumal ich ja auch eine ausgesprochen hübsche Lebensgefährtin habe. Die Schmerzen waren wie weg geblasen und ich dachte nur: „Wat für’n Service vor ´ner OP“. Eine hob dann das blaue Laibchen, das mir zwischenzeitzeitlich verpasst wurde, hoch. Ääääähämmm!!! Die 2. nahm sich dann des „kleinen Mannes“ an – und haute mir ohne Vorwarnung und mich süss anlächelnd den Blasenkatheder rein. Das schmerzhafte Ende eines kurzen, schönen Traumes!

Den Rest hab ich nur noch verschwommen mit gekriegt. Ein grünes Männlein, eine Spritze, eine Sauerstoffmaske, man hatte mich zum x-ten Male „umgebettet“ und dann war alles duster. Ob der OP-Saal so aussah, wie die Schublade des Ohrenarztes, kann ich also nicht sagen. Da aber die Krankenzimmer aufgeräumt waren und durchaus deutschem Standard in der Ausstattung entsprachen denke ich, eher nicht.

Über 2 Stunden später wurde ich dann wohl von einem Engel geweckt. Jedenfalls sah ich, als ich die Augen aufschlug, in ein lächelndes, engelsgleiches Gesicht vor mir. Nur waren die Harre schwarz, und nicht blond gelockt. Als ich dann so ganz langsam um mich blickte musste ich erkennen, es war kein Engel. Willy, mein französischer Nachbar mit seiner übergrossen Brille auf der Nase wird wohl kaum mit einem Engelwesen an meinem Krankenbett sitzen. Ich war auf der Intensivstation. Nampet sass auch an meinem Bett und hielt meine Hand. Ich war ja noch richtig dösig im Kopf und hab nicht mit gekriegt, was nun überhaupt los war. Hab dann was von einer Box gehört, aber weit, weit weg. Ich hab dann den Arzt, der auch da war, mal gefragt, wann es denn endlich losgeht. Hatte ja Schmerzen. Nee, sagt er, alles erledigt. Und es schien auch, als hätte ich die OP in Thailand überlebt.

Die folgende Nacht konnte ich dann nicht schlafen. Vielleicht hat mich das Morphin wach gehalten, keine Ahnung. Dieses Zeug kannte ich ja nicht, aber es soll von Schlafstörungen bis zu Halluzinationen nix gutes bringen. Und Hallus kriegte ich am nächsten Tag: An Stelle von Nampet sah ich einen Esel mich angrinsen, oder ein 2Meter50 Mann mit schwarzem Klamotten und roten Zähnen stand grinsend am Bett und so unnette Sachen. Immer nur kurz, aber das ist beängstigend. Einzig, Morphin macht nicht abhängig. Nur dieser Hallus haben noch über 3 Wochen angehalten.

Die Versorgung in diesem Krankenhaus, muss ich sagen, allererste Sahne! In Thailand ist es zudem üblich, dass immer ein Familienmitglied am Krankenbett ist und auch dort schläft. Das hängt nicht zuletzt mit dem recht starken Familienverband hier zusammen. Allerdings durfte Nampet die Nacht auf der Intensivstation nicht bei mir verbringen.

Jetzt muss man sich diese Intensivstation auch nicht so vorstellen, wie in Deutschland. Besucher müssen sich zwar anmelden, aber es gibt keine 1- oder 2-Bettzimmer, sondern nur einen grösseren Saal, wo eben alle frisch operierten liegen, der aber von einer Vielzahl an Krankenschwestern und auch Ärzten bewacht wird. Ist was, steht sofort ein Arzt oder Ärztin am Bett. Ca. 2 m neben mir lag Allen, ein Engländer, der in Ermangelung einer Beschäftigung hier 10 Jahre lang jeden Tag bis zu 8 Liter Bier und andere Alkoholika in sich rein geschüttet hat. Das hat sein Magen nicht mehr ausgehalten. Nun hatte er keinen mehr. Dem ging es echt dreckig. Und bei dem sass gleich eine Ärztin die ganze Nacht am Bett. OK, jeder ist seines (Un) Glückes Schmied und er hatte es sich so ausgesucht.

Jedenfalls wurde ich die ganze Nacht abwechselnd von Krankenschwestern betreut, von denen ständig eine an meinem Bett sass. Schlafen ging überhaupt nicht.

Morgens um Punkt 7 wurde die Intensivstation geöffnet und sofort kam auch Nampet. Und dann kam auch der Arzt, der mich aufgeschnitten hatte. Ja, nun hatte ich einen künstlichen Darmausgang. Wie er sagte, ging es nicht anders. Der ganze Unterleib war entzündet und voller Blut und er musste den Darm nach aussen verlegen. Besser so, als die Aussage, sorry aber da ging nix mehr. Angst vor dem Tod hab ich ja nicht, aber das Leben hier ist doch recht nett. Hab mir das Teil dann mal beguckt, so gut es eben ging und festgestellt, da kann man wohl mal mit leben. Nampet blieb und gegen Mittag ging es dann in meine „Räumlichkeiten“. Zunächst aber ging dieser unsägliche Bettenwechseltourismus wieder los. Bis ich von der Intensiv in meinem Zimmer war, wurde ich sage und schreibe 4 Mal in ein anderes Bett vergelegt und von einem Flur zum nächsten und von einer Etage zur nächsten geschoben. 2 Pfleger, 2 Metallplatten ca. 2 m lang mit Griffen an den Enden, drauf geschoben, hochgehoben, auf nächste Bett und die Dinger wieder weg gezogen. Gerade frisch operiert. Idiotisch, aber ich hab’s überlebt.

Zimmer mit Klimaanlage und nach hinten versetzten Fenstern.

Zimmer mit Klimaanlage und nach hinten versetzten Fenstern.

Das Zimmer war nett, so man das von Krankenzimmern behaupten kann. Einbettzimmer, TV nur mit Thaiprogrammen, eine zusätzliche Schlafcouch und Klimaanlage. Was fehlte, war ein Fenster. Es gab eine schmale Glastür und einen kleinen Balkon. Aber diese Tür war um die Ecke Richtung Toilette ca. 4 m von meinem Bett weg und von dort nicht einzusehen. Also, nix mit „room with a view“! Rundum „Kleinkindspinatschissgrüne“ Betonwände und Neonlicht –Tag und Nacht! Nach 24 Stunden kam ich mir echt vor, wie in einem Knast. Nur dass ich im Gegensatz zum Knast 24 Stunden am Tag von diesen hübschen Krankenschwestern an dem sich ohnehin nicht einstellen wollenden Schlafen gehindert wurde. Eine zum Blutdruck messen, 5 Minuten später die nächste zum Blut abnehmen, dann die nächste zum Blutzucker messen, 3 x am Tag waschen, Bettzeug wechseln, Urinflasche leeren etc. Eben für jeden Handgriff, den ein Kranker so benötigt, eine separate Krankenschwester. Bei einem Gehalt von um die 100 € pro Monat kann man sich eben viel Personal leisten.

Nach 24 Stunden stellte ich aber fest, dass das Bett eher einer Bretterunterlage glich. Knüppelhart und weil ich mich ja nach der OP kaum drehen konnte, eine echte Zumutung. Für Thais kein Problem, weil hier vorwiegend auf dem Boden geschlafen wir. Man ist also auch Betonboden als Bettstadt gewohnt. Aber ich bin kein Thai!

Nun bin ich ja Privatpatient und hab mich auch sehr höflich, aber doch bestimmt beschwert. Nur man kann hier, aus welchem Grund auch immer, nicht einfach ein neues Bett bringen und tauschen. Nein, es wird ein anderes Zimmer hergerichtet, der „Umbettungstourismus“ geht wieder los und ich bekomme 2 Etage tiefer ein neues Zimmer – ebenfalls ohne Ausblick!

Das Bett war besser, die Aussicht natürlich gleich beschissen, die Wände in einen freundlich hellen „Durchfallbraun“ gestrichen und der Rest wie gehabt. Deprimierend!

Das die Krankenzimmer hier keine Fenster haben wie die Zimmer in Deutschland, ist ja auch logisch. Wenn die Sonne den ganzen Tag auf die Scheiben brennt, geht man kaputt. Die Kosten für Klimaanlagen würden explodieren. Also sehen die Krankenhäuser eher aus wie zu hoch geratene Bunker mit kleinen, verglasten Schiessscharten.

Auf den Genesungsprozess wirkt sich ein solches Umfeld nicht gerade positiv aus. Nun bin ich ein ungeduldiger Mensch und Schmerzen gewohnt. Sonntagabend wurde ich operiert. Dienstagmorgen bei der Visite hab ich dann den Arzt gefragt, wann ich denn endlich entlassen werden kann. 2 Tage reichen doch. Der hat mich wohl nur für einen dieser verrückten „Farangs“ gehalten und mir nicht mal geantwortet. Ich war ja so gerade noch mal von der Schippe gesprungen und wollte nach 2 Tagen schon nach Hause. Für einen Thai vollkommen unverständlich, nutzt man hier doch einen Krankenhausaufenthalt gleich als eine Art „Rundumsorglosbetreuung“, also wie Urlaub. Entweder durch das Personal, oder mit 30 Baht Karte oder ganz ohne eben durch die Grossfamilie.

Mittwoch dann dieselbe Frage. Ich hab ihm dann erklärt, dass ich in diesem Betonbunker und diesem Gefängniszellen gleichen Zimmer seit der Operation keine Minute geschlafen habe und dass das unter anderem sicher nicht gerade einer raschen Genesung förderlich wäre. Zudem hatte ich auch erfahren, dass die Preise dem eines 5-Sterne Hotel glichen. Nampet hatte mal eine Zwischenrechnung machen lassen, so zur Kontrolle. Da wurde mir leicht übel. Von Sonntagnachmittag bis Dienstagabend waren ca. 70.000 Baht verbraten, wobei die Narkose nebst OP gerade mal mit knapp 19.ooo Baht zu Buche schlugen. Damals lag der Kurs bei 39 Baht für einen €. Dafür, dass man mich aufgenommen und untersucht hatte, wurden schon mal 34.000 Baht berechnet. Das Zimmer kostete 2.200 Baht pro Tag zzgl. Arztvisite, Krankenschwesternbehandlung (ob sinnig oder unsinnig) und Medikamente. Das Essen, das ich nicht essen durfte, schlug mit 750 Baht für diese 2 Tage zu Buche. Aber es wurde jeden Tag 3 Mal gebracht. Farangessen, Suppe – nach deutscher Art, wurde mir versichert! Egal, ich hatte ja T-Bone Steak und Fritten aus der Flasche in der Vene! Und Nampet hat sich dann ihr Essen von einer der Garküchen auf der Strasse geholt – Isaan Food. Wirklich wahr, Suppe mit gekochten Hühnerfüssen: Bäh!

Thailand. Garküche an der Straße

Thailand. Garküche an der Straße

Nicht locker lassen, dachte ich. Ich komm hier raus! Hab dann noch mal den Assistenzarzt abends gefragt wegen Entlassung und so. Antwort: erst, wenn der Darm rumort und was „raus kommt“ und dann auch nur vielleicht. Schlafen konnte ich in diesem Zimmer, auch wegen des Morphins, immer noch nicht, also die Nacht von Dienstag auf Mittwoch Darmübungen gemacht, wie immer die auch gehen. Mittwochmorgen wieder nix. Das Ding wollte nicht rumoren – und was raus lassen ging schon gar nicht, weil man da ja auch keinen Einfluss mehr drauf hat. Also, wieder nix mit Entlassung, aber ich nervte den Doc weiter. Und weiter mit Darmübungen. Und dann, Donnerstagmorgen nach einer erneuten, schlaflosen Nacht, der Arzt kam gerade zur Türe herein, da ging es los und hörte 10 Minuten lang nicht auf. Der Beutel war voll! Er grinste und ich war glücklich. Ich durfte gehen! Diesmal hat es mich auch überhaupt nicht interessiert, dass die beiden Mädels, die mir den Blasenkatheter und den Magenschlauch gezogen haben, hübsch waren.

Um nun nicht jeden Tag ins Krankenhaus fahren zu müssen, hat sich Nampet zeigen lassen, wie dieser Beutel gewechselt wird und hat sich mit Medikamenten und Beuteln eindecken lassen. Alleine die Beutel für 2 Wochen kosten 2.750 Baht. Dazu Schmerzmittel, Antibiotika, eben alles, was ich brauchte zu Hause. Alles selbst bezahlt, weil eine deutsche Krankernversicherung im Ausland keine Kosten übernimmt.

Dann ist sie ab ins Büro und bezahlen. Nach ein bisschen Jammern hat die Dame von den Finanzen Nampet dann noch über 4000 Baht nach gelassen, aber es waren immer noch über 94.000 Baht, also ca. 2.400 € zu zahlen – für 3 1/4 Tage und 4 Nächte! Egal, abhaken, Hauptsache raus aus dem Bunker und in mein eigenes Bett mit Blick in den Palmengarten – und Internetradio – und DVD’s – und meinen alten Videos. Einfach himmlisch!!!

Die erste Nachuntersuchung habe ich dann auch von dem Chirurgen in dieser Privatklinik 3 Tage später durchführen lassen. Alles ok und war im Preis wohl inbegriffen.

Dann ging es weiter zum nächsten Arzt, weil ich ja Medikamente gegen das Rheuma brauchte. Kaum zu glauben, aber es gibt unter den Thais, vor allem den armen Reisbauern, eine ganze Menge Rheumatiker. Und mein Arzt in Deutschland hat mir geraten, nach Thailand zu gehen, weil das ein super Klima für schmerzgeplagte Rheumatiker wäre. Also ab zum Rheumatologen, bzw. –login. Jung und hübsch und die Privatpraxis gerade neu eröffnet. Und mir hat sie nach Sichtung des OP-Berichtes und meiner Medikamentenliste dann eröffnet, dass dieser Durchbruch von meiner Medikamentenkombination kommt und sie sich wundert, dass ein Mensch das überhaupt 10 Jahre aushält ohne Magen- und/oder Darmdurchbruch. Sie hat mir dann andere Medikamente gegeben und seitdem geht es besser. Ich hab im Internet recherchiert und die Frau hat recht: Die Kombination aus diesen beiden ganz bestimmten Medikamenten führt zu Dauerdarm- und Magenbluten und irgendwann zum Durchbruch. Bei mir war es der Darm. Keiner der mich in Deutschland behandelnden Ärzte ist jemals auf die Idee gekommen, was ich da für einen Lebensgefährlichen Medikamentencocktail 10 Jahre bedenkenlos und ohne einen Hinweis verschrieben bekam.

Dann kam der schon erwähnte Schock, als ich erfahren musste, was man in Thailand unter Grundversorgung versteht. Wie gesagt, das Gesundheitssystem ist super, die Ärzte hervorragend ausgebildet für den, der es sich leisten kann! Eine Untersuchung beim Augenarzt war nötig wegen des Kortisons, das ich nach wie vor brauche. Diesmal in das 30 Baht Krankenhaus in Ubon, weil die Privatklinik über keinen Augenarzt und auch nicht über die erforderlichen Apparate verfügt. Und in diesem 30 Baht Krankenhaus gibt es Ärzte jeder Fachrichtung. Auch die Ärzte aus den Privatpraxen und Privatkliniken operieren und praktizieren ihren „offiziellen“ Dienst hier. Es ist also so eine Art Austausch der Ärzte unter den Kliniken der Stadt, was einen ständigen Zugriff auf Spezialisten jeder Fachrichtung gewährleistet. Und in dieser 30 Baht Klinik habe ich dann erlebt, was es heisst, Mensch 2. oder 3. Klasse zu sein. Wird man in einer Privatklinik mit dem Rollstuhl, wie in meinem Fall, am Auto abgeholt, so ist dieser Service in dieser Klinik 2. und 3. Klasse unbekannt. Die Rollstühle sind dermassen zefleddert, das ich Angst hatte, das Teil bricht zusammen, wenn ich mich da rein setze. Ist kein Familienmitglied dabei, muss man alleine sehen, wie man zurecht kommt. Hilfspersonal? Fehlanzeige!

Das Foyer glich schon nur Ansatzweise dem der Privatklinik. Keine Frauen mit Wischmops. Keine Schwestern in Uniformen. Keine abgetrennte Aufnahme zur Voruntersuchung. Und was mich echt geschockt hat war, wie man hier mit Menschen umgeht die offensichtlich, verkabelt wie sie waren, geradewegs aus dem OP kamen und einfach in ihren Betten liegend in diesem von, natürlich auch jeder Menge kranken Menschen wimmelnden Foyer abgestellt wurden. Die Familien standen dann um diese Betten herum und versuchten, irgendwie das Bett Richtung Krankensaal, also Raum mit bis zu 40 Betten, zu bringen. Nampet sagte mir dann, dass es in diesem Krankenhaus den Luxus von 1-oder 2-Bett Zimmern nicht gibt, alles nur Säle. Und Klima schon gar nicht. Der Lärm, der in diem Foyer herrscht, ist für einen halbwegs gesunden Menschen schon kaum zu ertragen, wie mag es da einem frisch Operierten ergehen? Dazu kommen dann die neuen Kranken, die teils in Rollstühlen, teils, wenn sie Glück hatten, schon in ein Krankenbett verfrachtet wurden und dann irgendwo in diesem Foyer hin geschoben wurden, Hauptsache sie stehen nicht im Weg.

Wenn man das sieht, kommt man sich als „Farang“ mit etwas Geld auf der Bank und einer gesicherten Rente in höchstem Masse privilegiert vor, sich den absoluten Luxus einer Privatklinik leisten zu können. Wer das mal live gesehen hat, der wird sich hüten, in Deutschland von einem 2-Klassen Gesundheitssystem zu sprechen.

Wir sind dann mit dem Fahrstuhl in den 3. Stock und haben uns in eine Warteschlange von ca. 100 Menschen eingereiht, die auch zu einem der Augenärzte wollten. Die Tatsache, dass ich Farang und Barzahler war in diesem 30-Baht Krankenhaus war, hat meine Wartezeit erheblich verkürzt. Der Blick der Krankenschwester sagte mir so was wie: Aha, Frarang, Bargeld lacht, also vor lassen! Und der arme Kerl, der gerade an diesem Gesichtsfeldgerät sass, wurde kurzerhand rausgeschickt, damit der Barzahler nicht unnötig warten muss. Ehrlich, ich wollte intervenieren, aber die Schwester sprach kein englisch und Nampet meinte, das sei schon ok so. Und die Behandlungskosten: 420 Baht, ca. 10 €! Wenn ich mir überlege, 4-5 Stunden in diesem saalähnlichen Raum voller Menschen, das nächste Fenster ca. 15 m entfernt und Klima oder sonstiger Luftaustausch Fehlanzeige, da geht man kaputt, vor allem der Kreislauf streikt recht kurzfristig. Von daher war ich für diese Vorzugsbehandlung echt dankbar und ich war unglaublich froh, dass ich die folgenden Untersuchungen bei allen Ärzten in deren „Klinik“, wie hier die Arztpraxen genannt werden, durchführen lassen konnte. Dieses 30 Baht Krankenhaus hat mir mal gezeigt, wie Menschen behandelt werden, die krank sind und nichts haben und ich hoffe, da nie wieder hin zu müssen.

Und dann kam nur noch die Blutuntersuchung wegen der Rheumamedikamente. Muss ja sein, gerade in meinem Fall. 2 Türen neben der Rheumatologin ist ein Labor. Nun bin ich ja nicht gut zu Fuss und immer froh, wenn ich diesen Hindernisparcours aus Schlaglöchern, kaputten Gullydeckeln und bis zu 40 cm. hohen Bürgersteigen, auf denen garantiert ein neues Hindernis steht, was das Gehen auf allen Wegen Thailands erheblich erschwert, nicht gehen muss. Also, Nampet ins Labor und dann kamen 2 Mädels raus. Die eine ein Sitzkissen in der Hand, die andere die Nierenschale mit den Blutabnahmeutensilien – alles original verpackt. Und dann wurde das Sitzkissen auf die Handbremse unter meinen linken Arm geschoben und mir dann ganz unkonventionell vom Beifahrersitz aus Blut abgenommen.

Heute habe ich nur noch das Problem, dass ich 2 Mal monatlich zur Rheumatologin muss und 1 Mal monatlich ins Krankenhaus, weil es in keiner Apotheke diese Beutel zu kaufen gibt. Die Medikamentenversorgung erfolgt hier fast durchgängig durch die Ärzte direkt. In der Pharmacy, der Apotheke, gibt es fast ausschliesslich rezeptfreie Medikamente. Zudem ist der Arzt da deutlich preiswerter. Und ganz wichtig: Der Arzt bezieht die Medikament ja direkt bei der jeweiligen Vertretung der Pharmafirmen hier.

Die Medikamente werden abgezählt und aus Grosspackungen umgefüllt. Das ist nicht das schlechteste System, weil der Medikamentenwahnsinn, den ich aus Deutschland kenne, hier gar nicht auftreten kann. Brauchste 10 Pillen, kriegste 10 Pillen, Ende Gelände! Und man muss nicht erst zum Arzt, Rezept holen und dann zur Apotheke. Hier ist das ein Weg – leider nicht selten mit langer Wartezeit, weil die Medikamente, die ich brauche, nur die Ärztin rausgeben darf, nicht ihre Helferin. Passiert so was und kommt raus, ist der Arzt oder die Ärztin ihre Zulassung los, wie mir Miss Rheumatologin sagte. Also anstellen und warten, weil da ja alle bar zahlen. Nix mit Farangbonus! OK, ich sitze dann im Auto und sehe mir eine DVD an und Nampet wartet, bis sie alles hat. Und, falls die Ärztin eine Frage hat, dann kommt sie zum Wagen und wir klären das. Oder man kommt einfach ein paar Mal umsonst, weil die Ärztin zu einer OP ins Krankenhaus gerufen wurde. Und dann ist die Praxis einfach zu und telefonisch ist niemand zu erreichen. Gemeinwohl geht hier eben vor dem eigenen Bankkonto. Auch nicht schlecht! Heisst für mich, rechtzeitig hin bevor nix mehr da ist.

Für September oder Oktober ist die Rückverlegung des Darmausganges geplant. Ich habe die Wahl, nach Deutschland zu fliegen oder das eben hier machen zu lassen. Ich muss sagen, ich habe nach meinem Erlebnis grosses Vertrauen in das hiesige Gesundheitswesen und die Fähigkeiten der Ärzte aller mir bisher bekannten Fachrichtungen, weil ich –jedenfalls hier- eben privilegiert bin und mir die Privatklinik leisten kann. Und den freundlichen Service, der hier vom gesamten Krankenhauspersonal geboten wird, den gibt es in Deutschland wohl nicht mehr zu finden. Die 23 Stunden Hin- und Rückflug spare ich mir. Und das Krankenhauspersonal hier möchte ich echt nicht mehr gegen deutsches Personal tauschen, ohne jemandem zu nahe treten zu wollen. Keiner hier nörgelt, keiner meckert und keiner beschwert sich. Immer von einer Krankenschwester mit einem Lächeln und einem freundlich „hello, how are you“ begrüsst zu werden, anstatt mit einem „was wollen sie denn jetzt schon wieder“ von einer (und echt, ich verstehe das sogar) wegen Personalknappheit überarbeiteten und überforderten deutschen Krankenschwester oder -pfleger angeraunzt zu werden, ist eine andere Krankenhauswelt. Und eine evtl. anschliessende Reha lass ich hier von meiner Lebensgefährtin durchführen. Mit rundum Service, Radio, Video, VDV und Blick in meinen Palmengarten. Dann klappt’s auch mit der Genesung. Mir hat die Reha nach der Knie-OP in Deutschland für dieses Leben gereicht!

6 Antworten auf: Krank werden in Thailand – daran stirbt man nicht!

  • Söhnke

    Puuh, was für ein Beitrag! Lang, spannend und inforamtiv. Dem Autoren wünsche ich eine gute Geneseung und alles Gute in Thailand. Hau rein!

  • Frostbeule

    Auch von mir unbekannterweise alles Gute. Dank dir für den langen Beitrag. Du hast dir viel Mühe gemacht. Solche Berichte aus erster Hand lese ich gerne.

  • Malte

    Es tut gut, so einen Bericht zu lesen. Da wird einem das deutsche Gesundheitswesen wieder sympatisch. Die gute persönnliche Betreuung allerdings, könnten wir von den Thais übernehmen wie auch das Abzählen der Medikamente. Auch von mir die besten Genesungswünsche. Halte uns auf dem Laufenden!

  • Doreen

    Da habe ich doch gleich mal in meiner Schublade nach den dort gehorteten Medikamenten geschaut. Tabletten ohne Ende und ohne Verwendung aus alten Verschreibungen. Die Idee, sie vom Arzt quantiativ der Therapie angemessen zuzuteilen, ist in Ordnung.
    Mein Mann mußte vor Jahren wegen eines Schlaganfalls im Uralub in ein spanisches Krankenhaus eingeliefert werden. Glücklicherweise stimmten unsere Finanzen und Versicherungen. Der Service war durch das phantastische Personal, das sich wirklich Zeit für ihn genommen hat, erstklassig.
    Den Genesungswünschen der Vorkommentatoren schließe ich mich an. Es ist gut, dass der Traum vom Lebensabend im Ausland nicht an einer Krankheit scheitern muss.

  • Dieter

    Vielen Dank
    für die Mühe, einen so spannenden und informativen Erlebnisbericht aus erster Hand zu veröffentlichen.
    Ich wünsche Dir vollständige Genesung und weiterhin Glück in Thailand!
    Dieter

  • Jens

    Ich schließe mich dem Lob der Vorkommentatoren an. Das ist ein erhellender Bericht über dem Umgang mit einer Krankheit in Thailand. Dem Autoren gute Besserung und auch sonst alles Gute!

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