Betrogen, betäubt, gefangen – In den Händen der Fremdenlegion

Die Sonne steht dicht am Horizont. Eine deutsche Fregatte der Bundesmarine stampft durch die hohe See. Nur noch wenige Stunden bis zur Landung in Tanger. Aufregung macht sich breit. Diese Nacht in Tanger ist für die Männer an Bord der Lohn für ihre sechs Wochen Arbeit ohne Landgang. Seit Monaten beobachtet die „Mexiko“ im Auftrag der Nato die russischen Schiffe, die das Mittelmeer passieren. Jede Bewegung der feindlichen Verbände wird registriert. Der „Kalte Krieg“ ist längst Alltag geworden.

Es ist ein Freitag im Jahre 1959. Das Schiff geht gegen 17:00 planmäßig vor Anker, der Hafen von Tanger liegt in sichtbarer Entfernung.

Lota verschnürt seine Hängematte im 3. Deck. Immer hat er das Pech, dicht am Maschinenraum schlafen zu müssen, hier ist es laut, heiß und vor allem stinkt es nach Diesel und Öl. Umso mehr freut er sich auf seine Nacht an Land. Er geht die schmalen engen Gänge durch die Decks der Mannschaft. 140 Männer schlafen hier auf engstem Raum, einige von ihnen werden nie wieder zurückkehren.

Ein Schlauchboot wird Backbord am Heck abgelassen. Es berührt zu früh die aufgewühlte See, eine Welle erwischt den 120 PS Volvoaußenborder. 12 Mann besteigen das Boot, die Maschine springt an, es geht mit Vollgas auf die Hafeneinfahrt zu.

Die Männer sind fröhlich. Sie freuen sich auf das Bier und vor allem auf die Frauen. Schon einige Mal waren sie hier, der Hafen von Tanger ist berühmt für seine Ablenkungen. Die deutschen Marines wissen, was sie erwartet. Zielstrebig ohne jede Unsicherheit gehen sie über die Hafenmole. Rostige Schiffe liegen einsam im Becken, eisiges Quietschen und Krachen bedeutet mühsames Be- und Entladen. Doch die Männer haben ein anderes Ziel.

In der Hafenbar ist es verraucht. Erbenerdig liegt sie im letzten Winkel der letzten Straße. An der langen Holztheke sitzen viele bunte Frauen, aufgereiht, im Gespräch oder sie warten noch auf Kundschaft. Eine Treppe führt in die oberen Zimmer, es herrscht reger Verkehr. Martin, Hans-Werner und Ottfied aus Bayern sitzen mit Lota am hinteren Ende der Theke. Sie unterhalten sich angeregt über die Frauen und verteilen großzügige Bewertungen. Es ist noch nicht ganz klar, wer als ersten gehen muss, aber klar ist, das sie alle an diesem Abend gehen werden.

Die trinkfesten jungen Männer sind zwischen 19 bis 22 Jahren, sie sind kräftig gebaut und durchtrainiert. Lota war deutscher Meister im Kraul, Hans Werner spielte bereits in der Regionalliga. Dann kam das Angebot von der Bundeswehr.

Es ist inzwischen dunkel, von draußen scheint eine Straßenlaterne in die Hafenbar. Die Theke verschwindet langsam im schummrigen rotem Licht, die Nacht der Nächte, die Männer nehmen bereits nur noch Umrisse wahr. Weit mehr als zehn Bier hat jeder getrunken. Die Schlagzahl stimmt. Otto und Martin waren bereits oben. Das letzte, an das sich Lota erinnert, ist Hans-Werner, der mit dem Kopf auf der Theke liegt. Dann ist alles schwarz, jede Erinnerung an das was folgt, fehlt. Es wird tiefe Nacht.

Schwere Kopfschmerzen dröhnen, die Augen sind kaum zu öffnen, mühsam wird es langsam heller, das Licht schmerzt. Lota nimmt erste Dinge wahr. Zwölf Männer sitzen an einem langen Tisch, eigentlich liegen sie, alle zusammengesunken auf harten Holzstühlen, einige noch nicht wach. Niemand spricht, eine bedrohliche Stille erfüllt den Raum. Lota sieht vor sich einen Zettel liegen, ein Blatt Papier. Dann sieht er, das alle den selben Zettel vor sich liegen haben. Neben ihm nimmt er Otto wahr, er scheint schon länger wach zu sein und guckt ihn an. Ein Schulterzucken und eine fragende Augenbewegung. Ängstlich, unsicher. Was wird hier gespielt?

Mühsam entziffert Lota den Text, er ist in deutsch, noch unverständlich, doch erschreckt ihn mehr, das seine Unterschrift unter dem Text steht. Ja, es ist seine Handschrift, daran besteht kein Zweifel. Doch er kann sich an nichts erinnern, weder an den Text, geschweige, dass er ihn unterschrieben hat.

Jeder der jungen Männer ist mit sich selbst beschäftigt. Niemand wagt sich aufrecht hinzusetzen, gekauert, fast in gerühmter Haltung erwartet sie Schicksalhaftes.

Am Kopf des Tisches sitzt ein Mann in einer Uniform. In voller Montur sitzt dort ein Offizier, am Reviers Orden, eine Mütze auf dem Kopf, die ist überdeckt ist mit einem weißen Schutz. Lota kennt diese Uniform und er erkennt einen Orden der Waffen SS, außerdem daneben einen Tapferkeitsorden der Fremdenlegion. Mit Orden kennt er sich aus. Da macht man ihm nichts vor. Die Zeichen an der Uniform deuten darauf hin, das sein Träger ein hoher Offizier der französischen Fremdenlegion sein muss. Doch einige Abzeichen deutet darauf hin, das es sich hier außerdem um einen Obersturmbandführer der SS handelt. 15 Jahre nach dem Krieg trägt hier einer stolz die Zeichen eines verlorenen Krieges. Warum? Lota wird erst viel später die Zusammenhänge erkennen.

Die Nerven liegen bei Lota inzwischen blank, er wird unruhig, nervös. Orientierungslosigkeit ist nicht sein Ding. Nochmals versucht er den vor ihm liegenden von ihm unterschriebenen Text zu erfassen. Inzwischen sind alle Männer wach, sehr angeschlagen, teilweise können sie kaum ihre Umgebung wahrnehmend, sie hängen auf den Stühlen.

Das Formular besagt, dass der Unterzeichner sich verpflichtet, 8 Jahre bei der Fremdenlegion zu dienen. Eine Kündigung oder gar Aufhebung ist nicht möglich, auf Flucht steht die Todesstrafe, ebenfalls auf Vertragsbruch. Das ist hier kein Spiel.

Langsam dämmert es bei Lota. Der knapp 50jährige Mann in Uniform erhebt sich ganz langsam und richtet in feinem Deutsch diese Worte an die Männer:

„Vor Ihnen liegt, wie sie sehen können, der von Ihnen unterzeichnete Vertrag. Er verpflichtet Sie für die kommenden 8 Jahre zum Dienst in den deutschen Battallionen der Fremdenlegion. Wir freuen uns, Männer der Bundesmarine begrüßen zu dürfen. Seien Sie bitte korrekt, wir sind es auch. Es gibt hier keine Antwort auf Fragen. Ich will ein lautes Ja von jedem.“

Allen Männern wird langsam klar, das sie sich in einer ausweglosen Situation befinden. Sie befinden sich zwar unter Druck, fühlen sich erpresst, ein Nein wäre der sichere Tod. Doch in der Fremdenlegion begrüßt zu werden, erfüllt den ein oder andern auch mit Stolz. Sie wissen alle, was die Fremdenlegion ist. Der Offizier richtet seinen stechenden Blick direkt in die Augen von Hans Werner. Ohne zu Zögern sagt dieser laut und deutlich das hier einzig mögliche und zugelassene Wort.  Das „Ja“ donnert durch den Raum.

Keine lange Ansprache, schon lange nicht mehr...

Keine lange Ansprache, schon lange nicht mehr…

Zwölf Mal wird Lota dieses Wort hören, eines davon ist sein eigenes. Keiner protestiert, niemand zieht auch nur in Erwägung eine Frage zu stellen. Miltärisch nehmen sie ihre neue Mission an, ohne zu Ahnen, welche es sein wird.

Lota lässt sich ablenken, denkt noch, das er doch gar nicht so viel getrunken hat, im Zimmer war er auch nicht, was ist geschehen. Erst beim Aufstehen wird ihm klar, das das wohl nicht nur Alkohol war. Seine Beine sind schwer, die Knie weich, er muss sich an seinem Stuhl hochziehen, um Haltung anzunehmen.

„Danke meine Herren. Die Fremdenlegion ist stolz, Freiwillige aus der Deutschen Marine hier und heute begrüßen zu dürfen. Ihnen werden jetzt ihre Zimmer gezeigt.“

Der Sturmbannführer der SS tritt ab. Sie werden ihn wiedersehen, recht bald.

13 Antworten auf: Betrogen, betäubt, gefangen – In den Händen der Fremdenlegion

  • Miriam

    Sind die Jungs echt shangheit worden? Die Bundeswehr wird doch gewußt haben, was da gespielt wurde. Dass die nicht interveniert haben, ist eigenartig. Oder hatten die Deutschen 15 Jahre nach dem Krieg noch kein Standing, um in Frankreich auf den Putz zu hauen? Schreib weiter, das ist spannend!

  • Leseratte

    Ist es nicht schade, dass der Lota wegen der Fremdenlegion kein Weib abbekommen hat an dem Abend? Sechs Wochen auf Entzug und dann das! Armer Mann 😉
    Aber schrecklich interessant.
    Ich will mehr davon lesen.
    Sofort weiterschreiben bitte!

  • Manne

    Meinst du, dass die Fremdenlegionäre leer ausgehen? Wir werden es sicherlich bald erfahren.

  • okko

    …. was für ein Lügenbaron!!So etwas gab es zu der Zeit 1959 nicht mehr!!!
    Hat wohl zu sehr dem Alk zugesprochen und zuviel Sonne abbekommen.

    Noch ein Tipp. NIE !! die Seite / Button „gefällt mir “ anklicken, denn dann werden zusätzlich zur IP Adresse auch viele andere Daten von Facebook über Surfverhalten gespeichert.

  • klickli

    Passt prima in die Zeit des Algerienkrieges von 1954-62 und die Nachschubprobleme der Fremdenlegion durch die Unruhen in Indochina.
    Die Geschichte ist spannend, gut geschrieben und verlangt nach mehr Lesestoff.
    Ist doch völlig egal ob wahr oder gelogen.

  • Sehr glaubwuerdig, die Fremdenlegion kidnapped deutsche Soldaten…

    Bisher kannte ich nur die Sturmband mit ihrer tollen Musik, aber was ist ein Sturmbandfuehrer?

  • klickli

    Ja es heißt „Sturmbannführer“, ein Dienstgrad ähnlich dem Major in der Organisationsstruktur der SS.
    Es ist bekannt, dass nach dem Weltkrieg die SS-Mitglieder einer Verfolgung in Deutschland durch Eintritt in die Fremdenlegion in Anonymität abtauchen und sie ihrer Verfolgung damit entgehen konnten.

    Es ist auch bekannt, dass die SS schwerste Verbrechen begangen hat, was ist da schon Kidnapping von so’n paar deutschen Soldaten.

  • „was ist da schon Kidnapping von so’n paar deutschen Soldaten?“

    Wenn man Dir im Ausland also einen ueber die Ruebe haut und Dir dann erklaert, das sei gar nichts im Vergleich zu den Verbrechen der SS, dann ist das dann ok. Oder?

  • Stefan

    Sehr spannend!
    Gerade da ich Autor und Protagonist in Kampot treffen konnte und die Geschichte live hören durfte, freue ich mich nun umso mehr auf die Fortsetzung!

  • Heinrich II.

    @ okko Unterschätze die Leser nicht. Viele melden sich anonym bei Fratzenbuch an und habe dafür eine Wegwerf-Emailadresse. Das ist ohnehin stets in social-networks anzuraten.

    “ …. …. was für ein Lügenbaron!!So etwas gab es zu der Zeit 195 9 nicht mehr!!! Hat wohl zu sehr dem Alk zugesprochen und zuviel Sonne abbekommen. … “ Du wirst es wissen!

  • Chris

    Still ruht der See im oxly11-Reisen Blog. Gehts mikt diesem Thema nicht weiter? Dann meldet das wenigstens.

  • klickli

    Schade dass hier Kommentare gelöscht werden. Der letzte war nämlich wirklich richtig interessant. Gestern war er noch da. Nu isser gelöscht….

    oxly11: Das überrascht uns sehr. Die Frage ist nur, wer sollte hier etwas gelöscht haben, wenn es kein Admin war? Wir löschen Backlinks, die keinen anderen Sinn haben, als unsere Leser ohne Bezug zum Thema auf andere Websites (Viagra, Casino, special offers …) umzuleiten oder oxly11 als kostenlose Eigenwerbeplattform zu nutzen und Kommentare, in denen sich jemand massiv im Ton vergreift oder komplett am Thema vorbei irgendwas postet. Im letzteren Fall fragen wir die Kommentarautoren per Email, ob sie einen eigenen Beitrag zu ihrem Thema veröffentlichen möchten, sofern es in den Themen-Mix von oxly11 passt. Ausufernde Diskussionen über die redaktionelle Arbeit von oxly11 sind ebenfalls nicht als Kommentare zu einzelnen Beiträgen erwünscht. Dafür gibt es Email.

  • honk

    diese geschichte ist nicht nur gut geschrieben sondern entspricht auch den damaligen verhältnissen!

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