Die Wasserprobe in der Sunset-Bar

Kambodscha. Sihanouville. Meine alltägliche Strandwanderung geht von der Martinibar bis zur alten französischen Brücke am felsigen Queenshill Richtung Ream Nationalpark. Dahinter fängt schon der nächste Strand an. Die Wanderung, neudeutsch „Beachwalking“ genannt, umfasst diese so entscheidenden 40 Minuten Ausdauerbewegung, ab da verbrennt der Körper Fette, die überflüssig sind, heißt es.

Vor einigen Tagen zog ein strenger Geruch über die Brücke. Ich sah bereits aus der Entfernung eine Färbung in der kleinen Flussmündung, ein schwarzer Strom versuchte die leichten Brandungswellen zu überwinden, um sich im Meer unverdächtig und heimlich zu verteilen. Neben dem vielen Plastikmüll, der sich nach jedem landeinwärtigem Wind am Strand ansammelt, sind genau diese Einleitungen von grauem bis schwarzem Wasser der Grund, warum ich nicht ins Meer gehe. Niemand glaubt mir, wenn ich nach vielen Monaten Aufenthalt in den Tropen erzähle, nie im Wasser gewesen zu sein. Nur mal zum Tauchen mit Neopren oder zum Schnorcheln am Riff. Im Meer mit seinen vielen Bewohnern verursacht jede unsichtbare Berührung einen Schrecken, auch wenn es eine Zahnbürste ist oder eine gebrauchte Windel.

Kambodscha. Schwarzes Wasser fließt ins Meer

Pechschwarz ist das Wasser. Es riecht verfault. Es ist das erste Mal, dass ich es hier wahrnehme. Aber das schwarze Wasser ist immer da, man sieht es kaum, nur manchmal, wenn man in die Zisternen und Brunnen hinter den Strandbars guckt, da wo das Wasser für die Restaurants gezapft wird. Gerne würde ich das mal testen.

Einige Tage später erzählt Ritchi, ein Österreich-Schweizer, beim Sunset-Spätschoppen, er habe seinen Wassertester aus der Schweiz mitgebracht und festgestellt, dass das ausgewiesene Trinkwasser in den blauen 25 Liter Behältern aus der Wasserfabrik (Preis: 3000 kambodschanische Riel, macht 0,50 €) nicht besser ist, als das Leitungswasser aus dem Brunnen. Unser ausgewiesener Experte Rainer, Jahrzehnte lange Erfahrungen mit Rauch- und Trinkwaren jeder Art, zweifelt heftig an der Glaubwürdigkeit dieses Gerätes. Ich auch. Was es messen würde, fragt er? Na, die Bekömmlichkeit, sagt der Besitzer des Gerätes. Bekömmlichkeit ist subjektiv. Ritchie verteidigt sein Gerät und spricht von Geschmack und Reinlichkeit, von Giftfreiheit und eben … Bekömmlichkeit.

Kambodscha. Wasserprobe vom Brunnen

Ritchi hat das Gerät gekauft, weil er in seinem kleinen Dorf in der Schweiz wissen wollte, ob sein Grundwasser trinkbar ist. Die offizielle Wasserbehörde mit ihren Laboren nimmt für die Probe 1500 Schweizer Franken, aber die Probe muss spätestens 90 Minuten nach Entnahme im Labor sein, sonst kommt es zur Verfälschung der Ergebnisse. Das Dorf von Ritchi liegt aber mindestens drei Stunden entfernt, dazwischen einige Alpenpässe, so blieb ihm nur der Weg ins Internet und er legte sich das beworbene und für gut befundene Gerät für 47 Franken zu. Sein Trinkwasser wurde in der Stufe 14 als bekömmlich eingestuft, schlecht ist 1400. Was misst dieses Gerät? Ritchi bringt es am nächsten Tag mit.

Der Sunset-Schoppen ist gut besucht. Der wassererfahrene „Kapitän Alemanne“ und der Offroad-Biker Habibi trinken seit einigen Tagen Leitungswasser. Das Geld ist knapp und jeder Dollar zählt. Sie können noch aufrecht gehen und das ist der Beweis. Das Wasser aus der Leitung ist gut, meinen sie, und hat außerdem den Wert 140. Das ist entschlackend und bekömmlich.

„Der französische Forscher und Hydrologe Professor Louise Claudes Vincent bewies in langjährigen Studien, dass ein gewisser Zusammenhang besteht zwischen der Trinkwasserqualität und der Erkrankungs- und Sterblichkeitsquote der Menschen in der Region.“, sagt der Beipackzettel. Natürlich gibt es einen Zusammenhang zwischen der Wasserqualität und ihren Folgen.  Diese Erkenntnis ist einige Millionen Jahre alt. Deswegen nutzt der Mensch seine Sinne. Die Augen sehen Trübungen, die Nase riecht, die Haut spürt die Temperatur, der Mund schmeckt und die Ohren? Na ja, die warnen, wenn es blubbert.

Doch heute ist das anders. Heute übernimmt ein Gerät für 47 Franken den Entscheidungsprozess. Es misst die Bekömmlichkeit. Wir machen den Test. Schnell ist der Wassertester ausgepackt, ein kleines weißes Gerät mit zwei kleinen Polen einer digitalen Anzeige und einen Drückknopf. Ich hole das Wasser, dokumentiere die Wasserstelle, Ritchi misst, die anderen sind die Geschworenen. Ritchi sagt nach jedem Test den Bekömmlichkeitsquotienten an und trinkt.

Kambodscha. Wasserprobe. Wassermessung im Bierglas

Mein erster Weg führt ins Klo der Strandbar. Hier die Wasserauffangstelle. In einem großen gemauerten Bottich wird das langsam tröpfelnde Wasser aus dem Brunnen aufgefangen. Ich nehme ein Bierglas voll und serviere. Die Anzeige bleibt bei 160 stehen. Dieses Wasser wird als bekömmlich eingestuft. Ich verhindere noch, dass Ritchi einen tiefen Schluck nimmt, da kommt der Wirt, etwas nervös, da es sich herumgesprochen hat, dass hier ein Wassertest stattfindet. Er sagt, egal was wir da machen, sie nehmen das Wasser nicht zum Kochen, sondern nur zum Abwaschen.

Ich gehe in die Rieselfelder backstage der Strandbars. Eine silberglänzende Wasserpfütze ist mein nächstes Objekt. Hier ist das schwarze Wasser, hier also wird entsorgt, denke ich noch. Da fallen mir zwei größere Brunnen auf. Ich blitze mit der Kamera hinein. Das Wasser kenne ich doch. Das ist das Wasser am Queenshill, nur komme ich da jetzt nicht ran. Das Pfützenwasser ist definitiv voll versautes Wasser. Das kann man riechen und fühlen und tasten und schmecken. Wir testen. Das Gerät zeigt den Wert von 1700. Gut so, doch was misst es?

Kambodscha. Wasserprobe in der Sunset-Bar

Laut Beipackzettel geht es um den Zusammenhang zwischen dem Feststoffgehalt und der entschlackenden Wirkung von Wasser. Also misst es feste Stoffe im Wasser, Festes in Flüssigem. Ich gehe an das salzige Meer und nehme eine Wasserprobe. Der Test zeigt 140, also trinkbar und bekömmlich, das Salz ist gut aufgelöst. Dann wird etwas Strandsand in das Wasser gemischt. Danach zeigt das Gerät 1700 an,  jetzt ist die Mischung  unbekömmlich.

Es ist die Zeit für eine Diskussion. Lassen wir den Grad unserer fachlichen Qualifikationen mal aus dem Spiel. Schnell einigen uns in einem Punkt. Das Gerät misst Stoffe im Wasser, nichts anderes. Weder die Legionärskrankheit lässt sich damit verhindern oder eine Salmonellenvergiftung vorahnen. Immerhin, sagt Ritchi, es ist also nicht ganz schlecht. Doch, sagen andere, es ist nicht nur schlecht sondern auch gefährlich. Wir schalten unsere Sinne aus und werten anhand eines Gerätes, das nicht wirklich etwas aussagt.  Also eine Glaubensfrage.

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Anmerkung von oxly11:

Das Gerät misst den TDS-Wert (Abkürzung für die englische Bezeichnung Total dissolved solids). Es gibt die Summe der im Wasser gelösten Salze und Feststoffe an. Die gebräuchliche Einheit ist mg/l (Milligramm pro Liter).

Bei höherem TDS-Wert nimmt die Korrosivität zu. Metall rostet im Salzwasser schneller als im Leitungswasser. Die Leitfähigkeit des Wassers steigt wenn mehr Salz (Ionen) darin ist. Im Prinzip wird die Leitfähigkeit gemessen.

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