Kambodscha im freien Fall vom späten Mittelalter ins Internet

online unterm Blechdach

online unterm Blechdach

Die Hardcorestrecke auf der Nationalstraße 4 liegt hinter mir. Motorradfahrer sind hier Freiwild. Kein einziges Überholmanöver wird abgebrochen, geschweige nicht begonnen, wenn ein Mopedfahrer sich auf der Gegenspur befindet. Gnadenlos wird durchgezogen, egal ob 5-Achsen-Truck oder 1m-breites TukTuk. So zwang es mich wieder mehrfach ins Rot und einmal fast ins Grün. Rot ist der Sand des Seitenstreifens hinter einer 30cm Teerstufe und Grün ist der Graben, auch manchmal ein Wall. Danach beginnen die Reisfelder und wer dort landet, braucht kein Moped mehr, nur noch einen Zinksarg für die Heimreise.

Doch kehrt man dieser Todesstrecke den Rücken, beginnt ein ganz anderes Kambodscha. Unbefestigte Straßen, überall. In der Nähe der todesbringenden Teerstrasse sind es noch Steinhäuser mit Shops, der nächste Abzweig zeigt dorfähnliche Strukturen, eine Moschee mit vielen kleinen Häuser, unten Stein und oben Holz. Der anschließende Abzweig bringt mich in eine Landschaft ohne Reisfelder, nur noch hohe Kokospalmen, ein schattenspendendes grünes Dach mit durchaus lebensbedrohenden Geschossen und schließlich, der letzte Abzweig zeigt eine zeitvergessene Stufe des Landlebens vor hunderten von Jahren, so scheint es zumindest.

Kinder, Welpen, Kücken

Kinder, Welpen, Kücken

Hier ist die Welt noch in Ordnung, die Hündinnen flüchten vor den lechzenden Welpen, das Mama-huhn zeigt an Hand eines Kratzworkshops den Kücken, dass es noch etwa zu finden gibt, auch wenn man nichts sieht.

Ein kleiner junger Hund spielt mit einem Küken, doch mit Respekt, wer frisst schon gerne seinen Spielkameraden. Die Männer liegen in den Hängematten, die Frauen schaukeln ihre Kinder in denselben.

Eine Welt, wie viele Nichtreisende sie als intakt und unberührt, als traumhaft und verschwiegen bezeichnen würden.

Die Küche im Dorf lassen

Ich packe mein Android-Tablet aus, suche die GPS Daten, finde das kleine Dorf auf den sowjetischen Präzisionkarten und tippe meine Eindrücke. Da ich nur als Taxifahrer fungiere, werde ich einige Zeit ignoriert, sitze auf der abgewetzten Holzliegefläche mit den gelegten Spuren ganzer Körper unter dem Haus und tippe meine Geschichten. Langsam nähern sich die Kinder, schweigsam gucken sie mir über die Schulter. In Kürze wird sich hier das Leben ändern. Denn jetzt kommt Kurt, sorry „Talking Tom“.

Das Hochzeitspaar mit Talking Tom

Das Hochzeitspaar mit Talking Tom

Beeindruckt von den Kommentaren der letzten „Taking Tom“ Geschichte auf oxly1.de beobachte ich die Szene sehr genau. Ich lasse den Hund furzen, die Katze hält sich die Nase zu und mein „Hallo“ wird nasal von „Taking Tom“ wiederholt.

Talking Tom in Aktion
Talking Tom in Aktion

Sehr schnell haben die Kinder begriffen, auffallend schnell würde der ausgebildete praxiserfahrene Pädagoge sagen, noch nicht ahnend, welche Spur der empirischen Feldforschung sich da gerade vor ihm auftut. Die Kinder wiederholen ihre Texte, verbessern sie, sprechen gemeinsam. Schnell kennen sie die Touchscreenstellen für das „No, no, no“ oder das Zwicken in den Schwanz.

Talking Tom im Dorf

Talking Tom im Dorf

Das Boxen der Katze ist da eher langweilig, spannender schon das Menu und schnell switchen sie zwischen mehreren „Taking Tom“ Programmen.

Als ich kurz zum Motorbike muss und zurückkomme, sind zwei der Kinder am Bowlen, ja, sie befinden sich auf einer virtuellen Bowling Bahn und spielen gegeneinander. Ich selbst hatte bis dahin das Spiel noch nicht selbst gespielt.

Bluetooth, Youtube, Facebook

Bluetooth, Youtube, Facebook

Erst jetzt bemerke ich die beiden Jugendlichen, die mit ihren Handys spielen. Ich gehe hin und sehe, wie sie sich mit Bluetooth die Youtube-Videos überspielen. Ich gebe ihnen mein Tablet, dafür bekomme ich das chinagefakte I-phone und sichte die Videoabteilung. Neben den üblichen Karaoke-Musikvideos finde ich auch etwas, was mit Sicherheit in der benachbarten Moslemabteilung zu einer Kurzschlussreaktion führen würde.

Essen gibt es immer und immer im Überfluss

Essen gibt es immer und immer im Überfluss

Ich werde immer neugieriger. Kurz wird unser Treffen unterbrochen, da die beiden in die Palmen müssen, um für das gemeinsame Essen Kokosnüsse zu pflücken. Zusätzlich holen sie etwas mühsamer aus einem nicht bekletterbaren Busch grüne kirschengroße Beeren, was auch immer das ist. Sie kommen zurück und zeigen mir ihr Zimmer. Erst jetzt fällt mir die Stromleitung auf. Eine 100 Watt-starke Musikanlage habe ich ja schon erwartet, aber den Fernseher incl. Satellitenschüssel und Reciever eigentlich nicht.

Früchte frisch vom Baum

Früchte frisch vom Baum

Daher jetzt eine Ansprache an all die Träumer, die meinen, das wir mit „Taking Tom“ in ein ethnisches Gefüge eingreifen und damit den Untergang der Welt beschleunigen.

Eure Welt ist schon lange untergangen, von der Weltbank aufgeteilt und vom Kapitalismus bespielt. Was für ein Trugschluss: Kapitalismus und Freiheit oder schlimmer noch, Kapitalismus und Demokratie. Wer es nicht begreift, dass der Kapitalismus nichts, aber auch gar nichts mit sozialen Strukturen zu tun hat, sondern ausschließlich sich selbst erzeugt und vermehrt unter gnadenlosen Bedingungen, der komme doch einfach hier her. Die internetfähigen Handys befinden sich in Steinzeithöhlen, der aktuelle Haarschnitt ist aus der Vorabendserie und der Traum vom Mercedes hat schon lange begonnen. Wer das nicht sehen will, muss fühlen und das geht nur durch Anwesenheit.

Die stellzigen jahrhundertgleichen Holzhütten dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Kambodscha den Quantensprung schon hinter sich hat. Es hat alles übersprungen – Kambodscha fällt vom Mittelalter ins Internet, im freien Fall. Das Problem ist, das diese Strukturen nicht gewachsen sind, sondern diktiert.

Ich halte es daher für sinnvoll, sich mit den jungen Leuten und ihren technischen Sehnsüchten zu beschäftigen, in ihrer Welt wohlgemerkt, nicht in unserer.

Es ist in der Tat nicht anders gelagert als in Deutschland. Die Playstation 3 liegt schon in den Containerschiffen (zukünftig können diese unvorstellbare 16.000 Container transportieren) und ist auf dem Weg nach Sianoukville, Kambodschas Hafenstadt.

Wie blind müssen Leser sein, welche die Holzhäuser, das Plumpsklo, die Steinwerkzeugküche und die Früchte an den Bäumen fotografieren und nicht weiter hineingehen ins Haus und den Hausstromanschluss bis zu den Endgeräten verfolgen?

Hier überspringt eine ganze Generation mehrere Jahrhunderte. Und da der Mensch unglaublich anpassungsfähig von der Evolution konstruiert wurde, wird das auch gelingen im Sinne der Konsumindustrie, im Sinn der kapitalbeherrschenden 50 Männer, die die Welt unter sich aufgeteilt haben.

Der neue Flatscreen in deinem eigenen Zimmer, den du für unglaubliche 199 € im Mediamarkt abgeschossen hast, konnte nur für den Preis angeboten werden, weil Millionen von den Dingern in Sianoukville im Hafen liegen und auf diese neuen Käufer in den Holzhäusern warten.

Die Fernsehprogramme hier sind reine Werbesendungen, die Karaokevideos erzeugen Begehrlichkeiten, weil dort in sehr einfach Plots gezeigt wird, dass der Junge, der nichts hat, nichts besitzt aus unserer moderen Konsum-Welt eben auch keine treue Frau bekommt. Haste nix, findste nix.

„Taking Tom“ jedenfalls hat an diesem Nachmittag alle zum Sprechen und vor allem zum Lachen gebracht, jeder hat sich gehört und erkannt und die Katze hat stundenlang zur aktiven Freizeitbeschäftigung beigetragen. Die Männer haben ihre Hängematten verlassen, die Jugendlichen ihre Handys ausgeschaltet, naja – stumm geschaltet, und die Babys wurden aus den stundenlang heftig schwingenden Hängematten genommen und die Traumatisierung damit zumindest kurzfristig unterbrochen. Das herzhafte Lachen hat die Nachbarn mobilisiert und am Ende gab es die Einladung zur Hochzeit.

Ich soll wiederkommen und meine Katze mitbringen. Das werde ich tun.

2 Antworten auf: Kambodscha im freien Fall vom späten Mittelalter ins Internet

  • R. Nelle

    ‚Talking Tom‘ und die Globalisierung

    Uih … Kapitalismus- und Globalisierungskritik im Boulevard-Format. Spannend, doch würde ich dem Autor davon abraten wollen, die Welt in zwei Sätzen erklären zu wollen. Beobachtungen aus erster Hand und ‚vor Ort‘ sind ganz sicher eine Bereicherung der Diskussion, die halsbrecherischen Schlussfolgerungen weniger.

    Beispiel:
    „Der neue Flatscreen in deinem eigenen Zimmer, den du mit unglaublichen 199 € bei Mediamarkt abgeschossen hast, konnte nur für den Preis angeboten werden, weil Millionen von den Dingern in Sianoukville im Hafen liegen auf diese neuen Käufer in den Holzhäusern warten.“
    Total interessant, Kambodscha zu bereisen und über die globalisierten Märkte des Kapitals zu resümieren. Nee, echt interessant. Nur, Marx hat mal gesagt, dass alle Werte, die geschaffen werden, durch die Arbeit geschaffen wird, die darin steckt. Das ist immer noch richtig, auch die Arbeit der Wissenschaftler und Ingenieure, die Fabriken entwickeln und bauen (lassen), zählt dazu. Die der Finanzspekulanten eher nicht. Der Ansatz, die Preise bei Mediamarkt und den kulturellen Umbruch in Kambodscha in Verbindung zu bringen, hat Potenzial. Nur die Schlussfolgerung ist etwas grobschlächtig. Was haben unsere billigen Konsumgüter mit der Kultur in Asien zu tun? Nach der Definition von Marx wäre es die billige Arbeit in Asien, die Kinderarbeit, die mangelnde soziale Sicherung, die allgegenwärtige Verfügbarkeit von verarmten Landbewohner, die jeden Job für jeden Hungerlohn annehmen, ohne jegliche Rechte oder Absicherungen. Das macht den Flatscreen so billig – und nicht der ‚Eigenbedarf‘, den die Menschen in Asien generieren und der so die Stückzahlen wachsen lässt.

    Ich erlaube mir noch einen Rat an die Adresse des Autors, denn ich empfehle weniger arrogant mit den eigenen Kritikern umzugehen. Er muss die Resonanz doch wollen, sonst bräuchte er nicht zu schreiben und hier zu veröffentlichen. Eine Diskussion kann nur entstehen, wenn man die Einwände anderer reflektiert und sie nicht gleich despotisch als ‚Träumerei‘ abtut.

    Beispiel:
    „Daher jetzt eine Ansprache an all die Träumer, die meinen, das wir mit “Taking Tom” in ein ethnisches Gefüge eingreifen und damit den Untergang der Welt beschleunigen.“
    Kultur im Umbruch, ‚Entwicklung‘ im Zeitraffer, die Faszination von modernen ‚Glasperlen‘ – das ist doch alles wieder ein hoch komplexes und spannendes Thema, dass sich aber nicht mit dem Holzhammer vermitteln lässt. Es gibt wirklich ganz, ganz viele historische Parallelen, seit der ‚weiße Mann‘ den Imperialismus erfunden hat. Und das ist schon verdammt lange her. Das muss man vielleicht nicht berücksichtigen, dann darf man aber auch nicht so absolut sein und den Lesern Blindheit vorwerfen, nur weil sie den hastigen Erklärungen so nicht folgen wollen. Man kann das alles nicht mit nur zwei Farben malen und darin dann die Wirklichkeit erkennen wollen.

  • Polly

    @ R.Nelle – Der Autor hebt sich mit seinem Reiseberichten wohltuend von dem üblichen Standpromenadengelaber ab. Wo es die besten Drinks und schönsten Unterkünfte gibt, lesen wir an anderer Stelle. Nun hat er seine Ansichten zur globalen Politik in den Beitrag einfließen lassen.
    Der Auftakt ist trocken und deutlich: „Daher jetzt eine Ansprache an all die Träumer, die meinen, das wir mit “Taking Tom” in ein ethnisches Gefüge eingreifen und damit den Untergang der Welt beschleunigen.“

    Ein ‚Wir‘ gibt es nicht; auf der ganzen Welt werden diese Produkte angeboten, sofern sie jemand bezahlen kann. Die Jugend, aber auch die Alten in Hamburg, München, Berlin und Kleinkleckersdorf ist mit Handys, Smartphones, Tables, Laptops, Computer, Multimediaschnickschnack bestens versehen, und wenn sich jemand die Frage nach dem Sinn nicht mehr plausibel beantworten kann, erfärht er, dass man seine Erlebnisse unbedingt im Social Network ’sharen‘ (teilen) muss. Die Botschaft lautet, du musst dabei sein, sonst bist du out. Dafür brauchst du die neuesten Elektronikprodukte. Dafür bekommst du Feedbacks, Dankeschöns, Punkte, kostenlose Apps, Updates ohne Limit( und ohne erkennbaren Vorteil). Diese Konsum- und Suchtwelle wird über den gesamten Planeten gejagt. Alle müssen erfaßt werden. Der mit dem ‚talking Tom‘ Reisende ist vielleicht noch mehr ein Opfer als die Asiaten, die vom „späten Mittelalter ins neue Internet“ katapultiert werden.

    Artikel: „… Wer es nicht begreift, dass der Kapitalismus nichts, aber auch gar nichts mit sozialen Strukturen zu tun hat, sondern ausschließlich sich selbst erzeugt und vermehrt unter gnadenlosen Bedingungen, der komme doch einfach hier her.“
    Die Intention des Autoren ist verständlich, aber nicht zuende gedacht. Der Kapitatlismus nutzt und schafft sehr wohl soziale Strukturen, da sie ihm zur Vermarktung nützlich sind. Um das zu sehen, braucht man nicht um die halbe Welt zu reisen.

    So gesehen ist es nicht ausreichend, „die Welt in zwei Sätzen erklären zu wollen“. Der Stoff ist umfangreich, doch vielen werden die kurzen Statements ausreichen.

Schreibe einen Kommentar

  

  

  

Löse die Aufgabe: * Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.