Nationalstraße 6 von Thailand nach Angkor, damals und heute

Lange ist es her. Es war im Jahr 1995. Kambodschas Grenzen waren gerade wieder geöffnet für den Tourismus, die ersten Wahlen beendet, die UN wieder abgereist. Kambodscha galt damals als Geheimtipps schlechthin, Reisehandbücher gab es kaum, das Internet existierte nicht, die Informationen wurden noch gehandelt wie Falschgeld. Es war Regenzeit. Ein Verhängnis. 2011 bin ich wieder dort. Es ist Trockenzeit. Eine Offenbarung. Eine Strasse wird dieses Land verändern, so oder so. Ich bin mir sicher. Es ist die Nationalsstraße 6.

Die Nabelschnur heute - Nationalstraße 6 komplett fertig

Die Nabelschnur heute – Nationalstraße 6 komplett fertig

Schief hing damals ein Schild im Fenster von Charlys Informations-Office in der Kao San Road in Bangkok. Schief, weil täglich die Information verändert wurden und schief, weil sich niemand daran störte. Denn wer will schon mit dem Auto von Bangkok nach Angkor Wat, wenn das Flugticket zum attraktiven Preis gerade im Angebot ist. Nein, über Land ist kein Problem, sagten sie, und wer 10 Stunden Zeit mitbringt, kann kostengünstig und bequem auf der Straße diesen Teil Asiens durchqueren, sagte auch Charly. Davon war nur die Hälfte wahr, doch nur welche?

Morgens um 7.00 stehen 12 Reisende vor dem 10-sitzigen Minibus. Nachdem das Reisegepäck verstaut ist, bleiben 9 Sitze übrig. Nacheinander quetschen sich die Passagiere von hinten nach vorne in den Bus, erst den Kopf, zum Schluss die Beine. Alles wohlgeordnet und zusammenhängend. Jeder Zentimeter Fußraum wird genutzt, das Handgepäck auf den Knien verstaut, abgestützt durch das Gepäck des Nachbarn.

Jeder fügt sich in sein Schicksal und nach zwei Stunden hat der Minibus bereits die Stadtgrenze Bangkoks erreicht. Schlimmer kann Verkehr nicht sein, denkt mancher und irgendwie wird auch das enge Sitzen im Kleinbus zur Routine. Kleine Stopps an der Tankstelle lassen die eingeschlafenen Glieder wieder durchbluten und vergessen wird auch niemand, da Platz im Auto jedem verdächtig vorgekommen wäre. Auto und Ladung durchfahren eine langweilige Landschaft, nichts wirkt, nichts bleibt in Erinnerung. Aber das verändert sich schlagartig mit dem Erreichen des thailändisch-kambodschanischen Grenzortes.

Wir lassen auf thailändischem Gebiet die gewachsene wohlhabende Kleinstadt Aranyaprathet hinter uns. Spätestens am Grenzpunkt Poipet wird uns klar, dass wir nicht nur ein Land wechseln, sondern auch den asiatischen Wohlstand hinter uns lassen.

Hier gab es 1995 noch heftige Gefechte mit den zurückgedrängten Roten Khmer. Doch die Lage hatte sich damals bereits entspannt, die Grenze war offen, zumindest tagsüber.

Handkarren damals (1995) und heute (2011)

Handkarren damals (1995) und heute (2011)

Blitzschnell wird das gesamte Gepäck auf einer hölzernen Handkarre geladen. Diese Karren sind geblieben, bis heute. Unter lebhaften Gesten eines selbsterklärten kambodschanischen Reiseführers werden wir über unbefestigte Wege Richtung Kambodscha geschoben. Autos gibt es hier noch nicht, Handkarren und Fahrräder sind vorherrschend und mit diesen wechselt der ganze Hausstand offensichtlich ins Nachbarland. Rotbraun und feucht vom letzten langen Regen klumpt die Erde unter den Stiefeln. Ein kleines Häuschen signalisiert das Ende von Thailand. Der Ausreisestempel wird neben dem Einreisevisum des Nachbarlandes Kambodscha platziert. Klugerweise hatte Charly noch in Bangkok darauf hingewiesen, das die Angabe von Berufen wie Fotograf oder Journalist nicht sinnvoll sei, um reibungslos die Grenzen passieren zu können.

Heute gibt es dafür ein eigenes Kästchen. Kreuz bei Tourist oder das Kreuz bei Journalist. Spätestens beim Kreuz im unteren Kästchen ist die Reise auch heute wohl beendet. Ich habe es nicht probiert, nicht damals und nicht heute. Lehrer bin ich und das Foto- und Film Equipment habe ich dabei wegen der schönen und exotischen Pflanzen.

Unproblematisch sind Visa über den Einreisepunkt Flughafen. Dort wird jedem Ankömmling vor Ort sein Visum in den Reisepass gestempelt. Der Landweg war damals kompliziert, denn es musste das Visum bereits ausgestellt sein und das dauerte bis zu drei Tagen. Mit einem Preisaufschlag von 50 Prozent ging es auch damals noch am gleichen Tag, aber eben nur in Bangkok. Das ist heute sehr vereinfacht. In einem kleinen Office werden die Reisepässe eingesammelt, ein Foto wird dazugelegt und 22 $ eingesammelt. Dann geht es zurück in den Bus und man wird an die Grenze gefahren. Nervös werden die, denen man gesagt hat, gebe niemals deinen Reisepass aus der Hand.

Schwerlastentransporter

Schwerlastentransporter

Schwere Transporter in abenteuerlichem Zustand völlig angepasst an die Farbe des Bodens vermitteln den Eindruck eines vergessenen Übergangs zwischen 2 Welten. Poipet ist der wichtigste Grenzort zu Thailand. Er liegt an der 674 Kilometer langen Straße von Phnom Penh nach Bangkok, die vor 1975 in einem hervorragenden Zustand war.

1995 beschreiben die wenigen Reiseführer den Ort als ungeeignet für Reisende, da Poipet immer wieder von Raketenangriffen der Roten Khmer heimgesucht wurde.  Riesige Löcher waren damals rechts und links des Weges sichtbar. Einschläge von Granaten. Man benötigte nicht viel Phantasie, um zu erahnen, was damals noch stattgefunden hat.

Heute ist der Grenzpunkt ein gigantischer Marktplatz, ein Kleinstadt, in der man kaum noch den Grenzfluss ausmachen kann, wären da nicht ab und zu ein paar Hinweisschilder mit einem Pfeil. War damals der Grenzverkehr ruhig, freundlich und sehr korrekt ist er heute hektisch und völlig unübersichtlich. Da machen sich die Reiseführer bezahlt, sie vermitteln einem den Eindruck, hier geht alles mit rechten Dingen zu.

Der Pfeil nach Kambodscha

Der Pfeil nach Kambodscha

Damals war es noch die doppelte Ausfertigung der Papiere. Diese hält der hartnäckigen Kontrolle der Grenzbeamten stand. Er fixiert jedes Augenpaar, erfragt bei jedem die Impfmodalitäten und kritisiert jede Form der Malaria- Prophylaxe. Und das hat seinen Grund. In einer Schublade im Schreibtisch liegen Pillen im Zweierpaket, handgeschnitten, aber immerhin originalverpackt. Ich weise damals auf meine Lariampackung hin. Lariam steht auf der Liste der wirkungslosen Mittel, sagt er. Er holt das große gelbe Buch und schlägt eine abgegriffene Seite auf. Da steht Lariam unterstrichen, was bedeutet, dass ich für 50 Baht seine Pillen kaufen musste.

Heute ist es nur noch eine Formalität, ein Ausfüllen von einem gelben Zettel, der nach dem Einsammeln wieder verschwindet. Malariapillen nehme ich schon lange nicht mehr. Heute geht eine größere Gefahr von Dengue aus und dagegen gibt es nichts.

1995 waren die Grenzmodalitäten schnell beendet, der Führer der grenzüberschreitenden Gruppe bat diese nach 50 Metern in einen Aufenthaltsraum. Mittig liegen gestapelt die Taschen und Rucksäcke. Eine Überprüfung fand nicht statt, denn ein Pickup-Fahrzeug mit Ladefläche fuhr rückwärts an den Raum und die Rucksäcke wurden auf die Ladefläche geworfen. Niemandem war klar, was das soll, denn mit dem letzten Rucksack war die Ladefläche eigentlich voll. Nur in der Mitte wurde ein Loch gelassen.

Fünf Minuten später saßen 10 Personen auf ihren Rucksäcken, dicht an dicht, die Füße im Loch, doch ohne die Möglichkeit einer Bewegung, und zum Schluss kommen noch zwei weitere in die Mitte. Unglaublich, denkt jeder.

Die Stimmung der Gruppe damals war gut. Diese Stimmung wurde noch gebraucht für das was folgen würde. Zum Schluss war sie verbraucht. Es waren alles junge Leute, die das Abenteuer suchten. Doch irgendeiner sagte, dass die Fahrt nochmals 12 Stunden dauern würde, zudem ist derzeit auch noch Regenzeit und in 5 Stunden wird es dunkel. Einige sind ganz leise geworden, doch keiner ist abgesprungen, wohin auch. Das mit den 12 Stunden war nicht richtig, es wurden 16 Stunden für weniger als 150 km.

Vier jungen Frauen wird ein Platz im Führerhaus angeboten und vier Begleitpersonen werden noch zusätzlich mitgenommen. So startet dieser Pick up mit 20 Personen Richtung Siam Reap. Ein Auto mit konstruktionsbedingten vier Sitzplätzen auf einem Weg, den es kaum noch gibt, in einem Gebiet, dass von den Roten Khmer beherrscht wurd.

Die Reisegeschwindigkeit passt sich automatisch den Straßenverhältnissen an. Konnte man im direkten Grenzgebiet noch 50km/h fahren, sind es inzwischen 15 km/h, manchmal die Hälfte. Eine normale und zügige Wanderung wäre da fast schneller.

Der Straßenbelag der Nationalstraße 6 hatte sich damals im Laufe der Zeit aufgelöst. Weite Strecken geht die Fahrt über tief ausgefahrenen Sand. Die Ebene hier ist flach, die Reisfelder stehen unter Wasser, es ist Regenzeit. Vereinzelt tauchen hinter hohen Gräsern mit Planen abgedeckte Behausungen auf. Hier leben die Ärmsten der Armen, direkt in ihren Feldern. Die Brücken über die Flüsse sind auf den ersten Kilometer auf kambodschanischem Gebiet noch intakt. Massive Eisenträger, verankert auf breiten Betonsockeln, versuchen, den zerstörerischen Einflüssen der Monsunzeit standzuhalten. Nach drei Kilometern wird die Straße zu einem Damm. Rechts und links liegen breite Überschwemmungsgebiete, die sich bis an den Horizont erstrecken.

Die einige Kreuzung auf dem gesamten Stück

Die einige Kreuzung auf dem gesamten Stück

Langsam kommen wir der Stadt Sisophon näher. Die Fahrradfahrer nehmen zu. Sie fahren mit unförmigen Lasten die Strecke zwischen Sisophon und Poipet. Manch einer hat quer über den Gepäckträger 5 Meter langer Hölzer verschnürt, mit denen er die gesamte Straße versperrt.

Die Strecke beträgt 48 Kilometer. Wir benötigen für diese Stück sechs Stunden. Diese Zeit macht deutlich, was für Straßenverhältnisse hinter uns liegen. Überholen kommt nur in den seltensten Fällen in Frage. Die Strecke ist überwiegend einspurig. Eine Schlaglochstrecke, das bei uns eine Straßensperrung veranlassen würde, gehört hier zur Beschleunigungsstrecke. Unser Auto neigt sich stark nach rechts. Ein schwerbeladener Lastwagen versucht stur in der Mitte der Straße die Grenzstadt zu erreichen.

Die Abendsonne wärmt mit den letzten Strahlen und so ist diese Fahrt bei angenehmen Temperaturen bisher von guter Laune begleitet. Oft musste man den Nachbar auf der Ladefläche greifen oder halten, um nicht unfreiwillig von der Ladefläche zu fallen. Das diente dem Kennen lernen und das wurde noch sehr wichtig. Denn gegen das, was uns erwartete, ist das, was hinter uns liegt, ein Sonntagsausflug.

Am Horizont sind die Berge des Dschungels auszumachen. 79 Kilometer Richtung Süden befindet sich die berüchtigte Stadt Pailin. Sie ist nach über 20 Jahre Bürgerkrieg ein Symbol für das Leiden eines Volkes geworden. Entlang der Straßen haben sich hier noch 1992 zwei kommunistische Armeen tödliche Kämpfe geliefert. 1995 versuchten die letzten Roten Khmer hier noch, ihre korrupten Geschäfte mit den korrupten Militärs aus Thailand zu sichern.

Das Leiden der Landbevölkerung war noch nicht beendet. Wenn die Trockenzeitoffensive der Khmer begann, plündern die Soldaten die Dörfer. Mit der Regenzeit gingen sie, doch sind dann meistens die Felder der Bauern erneut vermint. Die Straße 10, die von Sisophon nach Pailin führt, war 1995 für Touristen noch einer Selbstmord-Erklärung gleichzusetzen. Pailin selbst lag isoliert im Dschungel an der thailändischen Grenze. Es war der heftigste umkämpfte Platz des Landes damals. Denn hier lag die Schatzkammer Kambodschas, Edelsteine und Tropenhölzer. Nach Schätzungen verdienten die Roten Khmer mit ihrem illegalen Handel 8 Millionen Dollar pro Woche. Das machte Pol Pot damals unabhängig von den  Blöcken Amerika und China. Er konnte seinen Krieg selbständig finanzieren. Obwohl er von den Amerikanern für seinen Einsatz gegen die verhassten Vietnamesen genug Waffen und Gelder zugesteckt bekam.

1994 besetzt die thailändische Armee Pailin. Doch die Soldaten weigerten sich, gegen die Roten Khmer vorzugehen. Denn da sie kaum Sold von der thailändischen Armee bezogen, nahmen sie dankend die Geschenke der Roten Khmer an: Rubine, Saphire und dazu jede Menge Frauen.

Kurz von Sisophon wurde die Landschaft zur Badewanne. Die Familien baden und waschen sich in der Abendsonne, daneben weiden die Kühe und fressen das saftige Gras aus dem Tonle Sap-Becken. Zusätzlich zu den Khmerbedrohungen gab es hier die gefährliche Malaria Tropica.

Wir waren damals froh, als wir diese Stadt erreichten. Die erste Etappe war genommen. Doch als wir erfahren, dass noch 10 Stunden zu fahren sind, bricht die Frustration aus. Die lachenden Kinder auf dem Marktplatz können die enttäuschten Gesichter der Reisenden nicht mehr aufhellen. Für Pfennigbeträge deckten sich die Kollegen mit Proviant zu. Es wird tiefe Nacht sein, wenn wir Siam Reap erreichen, unser Reiseziel Angkor Wat. Doch es wird schlimmer kommen. In Asien sollte sich man seine Empathie sparen. Nichts endet so, wie man es sich vorgestellt hat.

Die Nationalstraße ist Handelsweg

Die Nationalstraße ist Handelsweg

Sisophon ist eine unbedeutende Stadt mit schwer beschädigten Heiligtümern. Ohne jede Lust zur Weiterfahrt verlassen wir die Stadt auf der Nationalstraße 6, die ab hier die Bezeichnung Straße nicht mehr verdient, denn man kann sie gar nicht mehr erkennen.

Es wird dunkel. Die Sonne zieht sich zurück, sie weiß warum, das würde ich auch gern tun. Der Regen der vergangenen Tage hatte zu großen Überschwemmungen geführt. In der aufkommenden Dämmerung ließ sich die Straße nur noch erahnen. Bis zur Ladefläche versinkt unser Auto in den Schlammlöchern. Kleine Hütten am Straßenrand machen frühzeitig darauf aufmerksam, dass etwas  passieren wird. Hier sitzen die Khmer und kassieren von jedem Autofahrer eine Straßengebühr. Dafür zeigen sie die Fahrspur durch die verschlammte, völlige zerrissene Straße, deren Belag bereits kilometerweit durch die Fluten in die Reisfelder getragen wurde. Unsere Begleitung hat das Kleingeld passend in der Hand, kurz läuft der Kassierer mit dem Auto mit, um es nicht zum unnötigen Stoppen zu zwingen. Denn hier muss jeder Schwung genutzt werden, denn das Stehenbleiben im Schlamm kann einem mehrtägigen Aufenthalt im nächsten Dorf gleichkommen. Damals erfuhr ich, dass die Reisegruppe vom Vortag sich noch in einem Dorf aufhielt. Ihr Auto war liegen geblieben und bis ein anderes freies Auto organisiert ist, konnten damals Tage vergehen. Diese Information macht bei allen die Anspannung bei jedem Durchdrehen der Reifen noch größer. Die Nacht ist hereingebrochen. Stockdunkel ist der wolkenverhangene Himmel. Nur ab und zu taucht der Mond hinter den Wolken auf und beleuchtet dieses unwirkliche Szenarium.

Die guten Verdienstmöglichkeiten sind heute vorbei

Die guten Verdienstmöglichkeiten sind heute vorbei

Auf der linken Seite erscheint ein Traktor. Ein Mann sitzt dort und raucht eine Zigarette. Auf die gestikulierte Frage unseres Begleiters, wo denn die Straße sei, lächelt er und hält die Hand auf. Unser bisher so siegreiche Fahrer, der alle Stellen dieses Parcours gemeistert hatte, versuchte auf eigene Faust, das Schlammloch zu überwinden. Doch mittendrin versagt der Vierradantrieb, der Motor stirbt ab. Wir sitzen fest. Jetzt ist es passiert, denken die meisten. Unser Begleiter springt von der Ladefläche, versinkt bis zum Bauch im Schlamm und watet zum Treckerfahrer. Eine kurze Zahl und der Preis ist klar. Die riesigen Räder dieses Treckers versinken zur Hälfte im Schlamm, das Seil ist schnell befestigt und mit einem Ruck bewegt sich unser Auto aus dem Loch auf die Straße, um nach 30 Metern aus eigener Kraft weiterzufahren. Das war teuer. Unser Begleiter ärgert sich, denn die Gäste haben ihre Tickets bereits bezahlt, und das hier sind  Zusatzausgaben, mit denen  niemand gerechnet hat. Daher werden die nächsten „Helfer“ ignoriert. Wütend werden Fäuste gereckt. In der Straße sind Stangen gesteckt, die die Spur durch das Wasser anzeigen sollen. Manchmal stehen zu dieser späten Stunde mehrere Kinder auf einer Strecke von hundert Metern und wollen die Spur zeigen, wie man das nächste befestigte Stück der Straße findet. Wütend springen die Kinder zur Seite, da unser Fahrer nicht abbremst und der Begleiter bei der Geschwindigkeit beim besten Willen keine Möglichkeit hat, zu bezahlen. So werden die Löcher tagsüber tiefer gegraben, damit die nächsten Autos zum Halten gezwungen wurden. Diese Hilfsdienstleistungen waren lange Zeit die Haupteinnahmequelle an der Nationalstraße 6.

Heute, 16 Jahre später, habe ich auf einer Motorradtour über die Nationalstraße eine Familie besucht, deren Vater sich noch gut erinnern konnte an diese Form der Geldeinnahme. Beide Töchter und auch die Söhne waren schwer beschäftigt am Flussübergang, der erst im Jahr 2008 eine letzte Brücke bekam.

Das alte Arbeitsgebiet von Sanya

Das alte Arbeitsgebiet von Sanya

Immer wenn diese „wütenden“ Stellen passiert waren damals und im Dunklen verschwanden, dachte ich an das „Danke Schön“ eines wildgewordenen Roten Khmer. In dieser Gegend waren noch viele Privatpersonen bewaffnet. Heute denke ich an die schwere Zeit, die die Menschen rechts und links hatten und haben. Das hat sie geprägt. Immer mehr kleine Siedlungen entstehen hier an der Nationalstraße, doch Arbeit gibt es keine. Der Vater arbeitet als Mopedfahrer für 1$ am Tag bei Auftragslage, die Tochter in Siem Reap für 40 $ auf dem Nachtmarkt und die Söhne sind verschwunden.

Doch zurück in die Zeit 1995. Die Hälfte der Strecke zwischen Sisophon und Siam Reap liegt hinter uns. Es sind noch knapp 50 Kilometer, d.h. noch 8 Stunden. Doch dann war endgültig Schluss. Vor uns liegen mehrere Lastwagen in sich verkeilt und umgekippt im Straßenschlamm, oder dem was von der Straße übrig geblieben ist. Nichts geht mehr.

Seit gestern ist die Nationalstraße 6 an dieser Stelle für Autos nicht mehr passierbar. Mitleidig registrieren die Menschen hier im Autoscheinwerferlicht unsere enttäuschten Gesichter. Wir müssen aussteigen. Unser Fahrer studiert die Situation. Auf der ehemaligen Straße ist kein vorbeikommen, also muss es eine andere Strecke geben. Doch rechts und links liegt eine zusammenhängende Wasserfläche mit einem schmalen Fußweg, Schwimmkenntnisse vorausgesetzt. Enttäuscht haben die ersten Reisenden ihr Reiseziel für die heutige Nacht aufgegeben. Erste Aggressionen machen sich breit über diese unzumutbare und letztendlich gefährliche Überfahrt. Kein Wort davon in Bangkok, kein Wort an der Grenze, kein Wort von den Begleitern über das, was hier abläuft. Alle Beteiligten wussten von dem Vorfall am gestrigen Tag. Die Reisenden vom Vortag waren damals nicht in Siam Reap angekommen.

Der Fahrer bittet uns, unser Fahrzeug rückwärts aus der festgefahrenen Position zu schieben. Wir fassen mit an und die ersten Umdrehungen der Antriebsreifen belegt die Vorderseite der ersten Gruppe vorne mit einer durchgehenden Schlammdecke, die zweite Reihe bleibt an den Stellen frei, wo die erste gestanden hat. Die so gewonnene Anlaufposition provoziert unseren Fahrer zu einer haarsträubenden Fahrt. Mit verhältnismäßig hoher Geschwindigkeit hält er auf den Fußweg zu, der von den Menschen gebaut worden ist, um ihre Waren auch bei diesen Witterungsverhältnissen trocken über diesen Fluss zu bringen.

Auch nachts ist der Weg hoch frequentiert. Trotzdem nimmt der Fahrer Anlauf und peilt den kleinen Damm direkt an. Durch ständiges Hupen werden die lastentragenden Fußgänger gezwungen, in den Schlamm zu springen und das Auto vorbeizulassen. Rauchend und aufheulend schwingt der Wagen bedenklich in beide Richtungen. Wir Fahrgäste hoffen, dass die Gepäckstücke auf der Ladefläche liegen bleiben. Ein heruntergefallener Rucksack wäre in dieser Nacht kaum noch zu finden. Doch alle Stücke sind offenbar so verkeilt, dass nichts passiert. Der Wagen ist durch. Ein Fußmarsch, der Abgänge bis zur Hüfte in die Schlammlöcher beschert, bringt doch alle wieder zusammen. Die Fahrt geht weiter.

Transporte ohne EU-Norm

Transporte ohne EU-Norm

Auch die Dörfer, die am Weg lagen, wollten beteiligt werden an den Möglichkeiten der Geldeinnahme. Eine Schranke am Anfang brachte Geld und eine Schranke am Ende des Dorfes nochmals. Die Straße war an der zu überbrückenden Stelle unbefahrbar gemacht.

Mehrfach fuhr sich das Fahrzeug noch fest. Das Schieben im aufspritzenden Schlamm hatte inzwischen alle verdreckt. Das Wischen durch das Gesicht gleicht einer militärischen Tarnung. Eine Sondereinheit im Nachtgefecht getarnt mit der Farbe der Umgebung. Irgendwann haben wir Siam Reap in den frühen Morgenstunden erreicht. Und allen war auch spätestens am nächsten Morgen klar, warum wir gerade dieses  Guesthouse wählen sollten. Alles ist gekachelt: Flure, Zimmer und Bäder. Fünf Minuten nach unserer Ankunft war alles lehmbraun. Nachdem die Ladung von Gästen nachts mit ihrem Gepäck in den Zimmer verschwunden war, wurde das ganze Haus komplett ausgespritzt. Morgens ist alles sauber, als wenn nichts gewesen ist. Aus den Rucksäcken ist die lehmige Farbe bis heute nicht raus, doch was bleibt, ist eine Erinnerung an eine Tauchfahrt, die als Autofahrt gedacht war. Am nächsten Abend kam die vermisste Gruppe an. Weit nach Mitternacht saßen wir an der Bierbar und tauschten Erlebtes aus. Kurz vor Morgengrauen hielt noch ein Minibus. Wir gingen damals über die weißen Flure in die Zimmer. Die Flure würden in dieser Nacht noch einmal ihre Farbe ändern, lehmbraun, auch wenn es kein Lehm ist.

Das Ziel naht

Das Ziel naht

Heute ist diese Nationalstraße in einem ausgezeichneten Zustand. Taxis benötigen lediglich drei Stunden von Poipet bis Angkor. Hier entscheidet sich, ob Siem Reap, die pulsierende Stadt im Norden Kambodschas den Anschluss am Welttourismusmarkt halten kann. Wer diese Stadt beobachtet, hat es bereist gesehen. Siem Reap wächst als viertschnellste Destination in Südostasien. Die drei davor lieben in Korea. Nichts wird diese Stadt aufhalten, denn sie bietet Kultur und Natur, Kunst und vorzügliches Essen. Die besten Hotels haben sich hier inzwischen niedergelassen, ganz in der Nähe von Angkor Wat. Der Garant für eine ungebrochene Entwicklung. Denn Angkor ist ein Weltwunder, ein Muss für jedermann der es kann. Siem Reap wird davon profitieren, doch die Menschen an der Nationalstraße nicht. Doch sie haben Hoffnung. Seit dem letzten Jahr haben sie Strom, zum 10fachen Preis der Region Siem Reap, es ist die lange Leitung, sagen die Betreiber. Irgendwann werden auch diese Menschen aufwachen, die lange Leitung verkürzen, denn die Schere zwischen reich und arm in Kambodscha kann nicht mehr größer werden. Es ist eines der ärmsten Länder der Welt, obwohl privater Reichtum überall sichtbar ist.

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